
Neue Notiz
The Life of Chuck
Tanzen vor dem Untergang
Mike Flanagans Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King erscheint auf den ersten Blick sentimentaler, als sie ist.
Ein Kristallisationspunkt der Erzählungen von Stephen King ist das Motiv von einem Jungen und einem Mädchen, die in einer US-amerikanischen Kleinstadt tanzen, am besten auf einem Sportplatz, einem Baseball- oder Football-Feld, oder in einer Turnhalle, wo die Highschool-Bälle stattfinden. Von „Carrie“ über „Christine“ bis zu Kings Kennedy-Roman „11.22.63“ wiederholt sich das Bild als ein Höhepunkt prekären, aber im Moment absoluten, unschuldigen Glücks. Es steht bei King neben ähnlichen Visionen eines kleinstädtischen Amerikas, in dem nette Menschen einander beistehen und an Sommerabenden auf der Terrasse und am Gartenzaun plaudern. Kings kommunitaristische Utopie wirkte in den siebziger Jahren konservativ, heute hält das „konservative“ Amerika selbst den freundlichen Familienautor Stephen King für einen subversiven Kommunisten.
Zwei ähnliche Tanzszenen stehen auch Mittelpunkt von Stephen Kings Kurzgeschichte „The Life of Chuck“ von 2020, die Mike Flanagan („Midnight Mass“, DR. SLEEP) jetzt verfilmt hat. Aber zunächst geht es um den Weltuntergang. Das Internet fällt aus, Sinklöcher blockieren Straßen, Kalifornien ist durch Erdbeben zerrissen, in Deutschland ist ein Vulkan ausgebrochen. Überall erscheinen Plakate und Werbespots mit den Worten „39 great Years. Thanks, Chuck“. Den frisch geschiedenen Marty (Chiwetel Ejiofor) und seine Frau Felicia führt das Elend wieder zusammen. Dann beginnt Chucks Geschichte, vom Ende ausgehend erzählt.
Diesem Anfang, der das Ende zeigt, stehen vor allem zwei Tanzszenen gegenüber, eine zwischen dem 39 Jahre alten Buchhalter Charles „Chuck“ Krantz (Tom Hiddleston) und der 22 Jahre alten Janice (Annalisa Basso), und eine zwischen dem 13-jährigen Chuck (Benjamin Pajak) und der etwas älteren Cat (Trinity Jo-Li Bliss). Mike Flanagan legt ein goldenes Abendlicht über die Tanzszene zwischen Chuck und Janice, die in einer Fußgängerzone, ohne sich zu kennen, zum Rhythmus einer Straßenmusikerin tanzen. Er fokussiert Details – die wippende Hüfte, die fallen gelassene Aktentasche, zwei in die Luft gestreckte Finger, die den Rhythmus aufnehmen – und geht dann in die Totale, die aus der alltäglichen Umgebung die Bühne eines Busby-Berkeley-Musicals macht. Das ist grandios inszeniert.
THE LIFE OF CHUCK, vor allem aber der Kinotrailer, ist voller Sentenzen, die „inspirational“ wirken, wie aus einem Lebenshilfe-Buch. Viele Kritiken haben den Film als eine enthusiastische Affirmation des Lebens trotz all des Leids und des sicheren Todes verstanden, aber ganz so einfach ist das nicht. Eine der Ideen in Kings Geschichte ist die, dass eine Welt stirbt, wenn ein Künstler stirbt, wie das zuletzt bei David Lynchs Tod besonders deutlich wurde. Die Erweiterung dieses Gedankens ist, dass das für jeden Menschen gilt, eben auch für einen Buchhalter, der einmal in einer Fußgängerzone getanzt hat. Der Untergang dieser Welten ist gewiss. „The Life of Chuck“ ist Stephen Kings “Waste Land”, auch wenn hier immer wieder Walt Whitmans optimistischer „Song of Myself“ zitiert wird: „I am large, I contain Multitudes“.
Gegen die Ruinen stellt King sein Idealbild flüchtigen Glücks und einer selbstbestimmten Gemeinschaft, die sich aus freien Stücken zusammenschließt und zusammenhält. Vom Leben und von der Welt übrig bleibt ein Tanz, selbst wenn auch der irgendwann vergessen sein wird. Mike Flanagans Verfilmung erscheint auf den ersten Blick sentimentaler, als sie ist. Aber vielleicht ist das auch nur eine Frage der Perspektive.
USA 2024, 110 min
Genre: Drama, Fantasy, Science Fiction
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan
Kamera: Eben Bolter
Schnitt: Mike Flanagan
Musik: The Newton Brothers
Verleih: Tobis Film
Darsteller: Tom Hiddleston, Karen Gillan, Chiwetel Ejiofor, Mia Sara, Carl Lumbly, Mark Hamill, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak
Kinostart: 24.07.2025
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