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The Killing of a Sacred Deer

Konsequent und radikal

Ein Ärzteehepaar mit zwei wohlgeratenen Kindern. Ein vaterloser Teenager mit einer Mission. Ein altes Geheimnis. Nach THE LOBSTER erzählt der neueste Alptraum des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos von der Dekonstruktion einer Mittelschichtsfamilie.

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Die Worte der Figuren scheinen wie bedeutungslose Schläge in Duellen, in denen es keine Gewinner gibt. Wenn in Yorgos Lanthimos’ neuem Film Menschen miteinander kommunizieren, verwundert es niemanden, der sich mit dem Werk des Regisseurs (DOGTOOTH, ALPEN, THE LOBSTER) auskennt, dass der soziale Realismus in einer zuerst undurchschaubaren Story Hausverbot zu haben scheint. Da geht es im Dialog um wasserfeste Uhren und die erste Menstruation der Tochter, schöne Hände und die Relevanz von Pommes Frites und wann man sie essen sollte. Das mitunter komisch emotionslose Sprechen lässt die Figuren wie ein entrückt rezitierendes Theaterpersonal wirken, dass sich für keine erkennbare Welt mehr interessiert. Befremdlich ist das anzusehen, und ganz wunderbar.

Neben dieser kommunikativen Entfremdung ist aber noch etwas faul im Staate Ohio, in Cincinnati, wo das Ärztepaar Anna und Steven Murphy (Nicole Kidman und Colin Farrell) mit ihren beiden Kindern lebt. Im Weitwinkelblick sehen wir sterile, menschenleere Krankenhäuser und Mittelstands-Interieurs und suchen nach dem Leben, das sich aber nirgendwo zu verstecken scheint.

Da ist gleich zu Beginn der Teenager Martin. Seine Rolle ist zuerst unklar, aber dann wird sein Auftreten, wie der gesamte Film, immer unheimlicher und bedrohlicher. Martins Vater starb einst als Patient im Kreissaal von Steven Murphy. Die regelmäßigen Treffen der beiden finden in einer Atmosphäre von Schuld und Sühne statt. Lanthimos verschweigt die Details zunächst, nur die häufig eingesetzten, langsamen Kamerazooms (nah rein oder raus aus dem Geschehen), sowie ein unheimlich wabernder Soundteppich deuten an, dass hier eine unklare Geschichte einen bösen Verlauf nehmen könnte.

THE LOBSTER war Yorgos Lanthimos’ erster Film in englischer Sprache. THE KILLING OF A SACRED DEER ist nun sein erster Film, den er in den USA gedreht hat. Sowas wird bei den Lieblingen des europäischen Autorenfilms meist schief beäugt und geht auch gerne in die Hose. In diesem Fall tut es der Konsequenz und der Radikalität der Erzählung keinerlei Abbruch. Was sich hier langsam, irritierend und auf schleichenden Sohlen entfaltet, kulminiert schließlich in einem Szenario, bei dem sich das Publikum, wie so oft bei Lanthimos, überrascht oder verstört die Augen reiben kann. Anleihen an Haneke oder Kubrick drängen sich mehr auf als sonst, doch reicht der doppelte Boden hier allemal, um die deutlichen formalen Anleihen an den Horrorfilm der 1970er-Jahre in andere, merkwürdige Richtungen zu bringen.

Der „Methode Lanthimos“, also am Set wenig bis nichts zu erklären, die Geschichte und Figuren nicht mit den Schauspieler*innen zu analysieren oder zu psychologisieren, haben sich hier Colin Farrell (zum zweiten Mal) und erstmals Nicole Kidman unterworfen. Kidman steht in einer Tür, wird im Spiegel eines Fensters gefilmt, legt sich ihrem Mann als Angebot in Unterwäsche aufs Bett und traut sich, keine eigentliche Person zu verkörpern. Ihr Kostüm verschmilzt immer mehr mit den biederen Mustern der Inneneinrichtungen, und der Star Kidman verschwindet hinter der Inszenierung. Das passiert hier zwar nicht so radikal wie in DOGVILLE von Lars von Trier und geht (im anderen Extrem des Loslassens) nicht wo weit wie in THE PAPERBOY von Lee Daniels, ist aber dennoch eine großartige Leistung in Anti-Hollywood-Spiel und im Nicht-Verkörpern.

Überhaupt muss man THE KILLING OF A SACRED DEER nicht lieben, kann sich aber dennoch daran erfreuen, wie sich ein Film so leichtfüßig und fast unbemerkt von bestimmten erzählerischen Konventionen befreit, während er vorgibt, das Gegenteil zu tun. Der Vergleich zu den inszenatorischen Pauken und Trompeten von Darren Aronofskys gutgemeintem Pseudo-Schocker MOTHER! blitzt in manchen Momenten positiv auf, wenn erkennbar wird, dass Lanthimos zwar auch zahlreiche WTF-Momente produziert, aber augenscheinlich kein Interesse an kalkulierten Schocks und manipulativen Manierismen hat.

Nein, in THE KILLING OF A SACRED DEER regiert stattdessen lange das Sonderbare, ohne dass es ständig ausgestellt würde. Begegnungen in Slow Motion und ein fast autistisches Miteinander der Figuren, ein Mangel an Empathie oder nachvollziehbaren, sozialen Interaktionen koppeln sich hier an das Gerüst eines fast klassischen family intrusion-Plots, dem aber keine Lösung oder Katharsis folgt. Es wird viel mit Erwartungen und Stilmitteln gespielt, mit erzählerischem Rhythmus, ungewohnten Schnittachsen und der Hülle bekannter filmischer Muster. Am Ende kommt dann aber doch etwas heraus, was sich so anfühlt, wie ein Schlag. Nicht berechnend gegen das Publikum und nicht in einem Duell, sondern als das Gefühl von einem befreiend anderen filmischen Erzählen, geschickt eingebettet in das Gewand des scheinbar Bekannten. Ist das originell? Vielleicht ist es eine überwertete, sehr gekonnte Spielerei, vielleicht aber auch ein Meisterstück.

Toby Ashraf

Details

USA/Irland/Großbritannien 2017, 119 min
Sprache: Englisch
Genre: Schwarze Komödie, Familiengeschichte, Horror
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Efthymis Filippou, Yorgos Lanthimos
Kamera: Thimios Bakatakis
Verleih: Alamode Filmverleih
Darsteller: Nicole Kidman, Colin Farrell, Alicia Silverstone, Rachel McAdams, Raffey Cassidy, Bill Camp
FSK: 16
Kinostart: 28.12.2017

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