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The Cut

Epischer Abschluss von Fatih Akins „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie

Der Schmied Nazaret verliert während des Völkermordes an den Armeniern seine Familie. Jahre später erfährt er, dass seine Töchter noch am Leben sein könnten. Seine Suche nach ihnen, die ihn bis an die kanadische Grenze führt, ist die Geschichte eines Überlebenden, aber es ist zugleich der Traum eines Gestorbenen, ein Streit mit dem Teufel, eine Reise ins Totenreich, eine Auswanderergeschichte, die aber eben auch erzählt, was für Höllenreisen die Migrationsbewegungen schon des letzten Jahrhunderts gewesen sind.

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Der armenische Schmied Nazaret stirbt zweimal in Fatih Akins neuem Film THE CUT. Beide Male hat er kurz zuvor unter furchtbaren Bedingungen beim Eisenbahnbau gearbeitet. Das erste Mal wurde er von der türkischen Gendarmerie gezwungen, an der Bagdadbahn zu arbeiten, einer militärisch wichtigen Strecke zwischen Istanbul und Bagdad, über die auch die Deportation der Armenier während des Völkermords lief. Dort wird ein türkischer Gefangener gezwungen, ihm den Hals durchzuschneiden. Das zweite Mal arbeitet er an einer nordamerikanischen Bahnstrecke. Da wird er von amerikanischen Bahnarbeitern erschlagen, als er versucht, die Vergewaltigung einer Indianerin zu verhindern. Beim Bau der Bagdadbahn musste Nazaret der Vergewaltigung einer Armenierin während der Vertreibung hilflos zusehen, ein Eingreifen hätte den sicheren Tod durch die Kugeln der türkischen Soldaten bedeutet. Das ist in der zweiten Szene nicht anders. Die amerikanischen Arbeiter verachten den Armenier, der ihre Sprache nicht spricht, sie sind sich einig, dass die Squaw verfügbar und minderwertig ist, sie sind zu sechst und mit Spaten bewaffnet. Nazaret hat keine Chance.
Nach beiden Szenen könnte Fatih Akins großartiges Epos THE CUT zu Ende sein. Die Türken bringen die Armenier um, die Amerikaner die Indianer. Wer stärker ist, bringt den um, der schwächer ist, aus Hass, Verachtung und wegen einer schäbigen alltäglichen Bosheit. THE CUT ist nach GEGEN DIE WAND und AUF DER ANDEREN SEITE der letzte Teil der Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“, und der Teufel macht kurzen Prozess.
Akin lässt seinen Helden beide Male wieder auferstehen, der Schmied heißt ja nicht zufällig Nazaret. Nach dem Stich durch den Hals wird er von dem Mann gerettet, der ihn töten sollte. „Ich bin ein Dieb, aber ich habe nie jemanden umgebracht“, sagt der. Nazaret bleibt nach dem Stich in den Hals stumm, die Stimmbänder sind verletzt. Seine Odyssee auf der Suche nach den Töchtern, die ihn über zahlreiche Stationen bis nach Minnesota und an die kanadische Grenze führt, ist die Geschichte eines Überlebenden des Völkermordes an den Armeniern, aber es ist auch die Geschichte eines Mannes, der schon einen Kinotod hinter sich hat. Was folgt, ist zugleich der Traum eines Gestorbenen, ein Streit mit dem Teufel, eine Reise ins Totenreich, das auch ein Reich der Erinnerung ist. Dabei bleibt THE CUT eine Auswanderergeschichte, die aber eben auch erzählt, was für Höllenreisen die Migrationsbewegungen schon des letzten Jahrhunderts gewesen sind.
Fatih Akins Helden sind Deserteure der Macht und ihrer Bewegungen. Wo die Eisenbahnen, die Nazaret baut, für die Mobilisierung und Beschleunigung von Macht-, Militär- und Kapitalströme stehen, erzählt er die Geschichte von Menschen, die zwar von den Auswirkungen globaler Machtinteressen erfasst werden, deren schlichter Humanismus sich aber der Gewalt widersetzt. Ein türkischer Dieb rettet dem Armenier das Leben, ein Trupp Deserteure bringt ihn wieder auf die Beine, ein arabischer Seifenfabrikant macht seine Fabrik zu einem Flüchtlingslager. Englische Lehrerinnen in einem Waisenhaus im Libanon, ein armenischer Friseur auf Kuba helfen Nazaret weiter.
Ein großer Film, auf 35mm und in englischer Sprache in Cinemascope in Jordanien, Kuba und Kanada gedreht, in der Tradition epischer Hollywooddramen wie John Fords THE SEARCHERS. An so etwas wage sich sonst kaum noch jemand heran, soll Martin Scorcese über THE CUT gesagt haben. Seit Werner Herzogs Filmen in den 80er Jahren hat in Deutschland tatsächlich niemand einen solchen Film gedreht. Natürlich ist er anders als Akins große Erfolge. GEGEN DIE WAND und AUF DER ANDEREN SEITE waren Charakterdramen. Die Personenzeichnung in THE CUT ist gröber. Sie muss es sein, denn hier geht es noch einmal mehr um die räumliche Bewegung des Helden, als um seine Innerliche. Es geht um die körperliche Erfahrung, um ganz physisches Kino, das Akin mit Weitwinkelobjektiven möglichst breit und immer aus einer gewissen Distanz fotografieren lässt. Ein Film, der verlangt, dass man sich von ihm berühren lässt, großes, politisches Bewegungskino.

Tom Dorow

Details

Deutschland 2014, 138 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama, Historienfilm
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Mardik Martin, Fatih Akin
Kamera: Rainer Klausmann
Schnitt: Andrew Bird
Musik: Alexander Hacke
Verleih: Pandora Filmverleih
Darsteller: Arsinée Khanjian, Simon Abkarian, Tahar Rahim, Makram Khoury, Numan Açar, Akin Gazi, George Georgiou, Anna Savva, Lara Heller
FSK: 12
Kinostart: 16.10.2014

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