Magazin für unabhängiges Kino
Filmwecker
Filmnotiz

Neue Notiz

Tenshi no tamago – Angel's Egg

Kult-Klassiker

Ein weißhaariges Mädchen streift mit einem kopfgroßen Ei unter ihrem Nachthemd durch eine verwüstete, postapokalyptische Landschaft.

Mehr

Zum 40. Erscheinungsjubiläum kommt eine der frühen Regie-Arbeiten des Anime-Auteurs Mamoru Oshii (GHOST IN THE SHELL) als 4K-Restauration erneut ins Kino. Seit seiner Jugend war Oshii fasziniert vom Christentum und als Student in linken Studentenbewegungen aktiv, die sich gegen die amerikanische Besatzung im Nachkriegsjapan einsetzten. Gerade diese Thematiken verarbeitet er auch in seinem in Kollaboration mit dem Charakterdesigner Yoshitaka Amano entstandenem surrealen Anime-Kult-Klassiker ANGEL’S EGG.

Ein weißhaariges Mädchen streift mit einem kopfgroßen Ei unter ihrem Nachthemd durch eine verwüstete, postapokalyptische Landschaft. In einer verlassenen Stadt trifft sie auf einen ebenfalls weißhaarigen jungen Soldaten mit einer kreuzförmigen Waffe auf seinem Rücken, der sie wider ihren Willen auf ihrer weiteren Reise begleitet. In der Stadt erleben die zwei ein seltsames Schauspiel von gesichtslosen uniformierten Männern, die mit Harpunen Jagd auf Fische aus Schatten machen. Schließlich landen sie in der verregneten Ruine eines gigantischen Gebäudes, dessen Wände mit allerhand monströsen Fossilien geschmückt sind. Unter diesen stoßen Sie auf die Gebeine eines Wesens, dessen Form an die eines Menschen mit Flügeln erinnert.

Bereits in diesem Frühwerk entwickelt Oshii seine eigene Bildsprache mit einem Fokus auf Architektur und Ruinen, Spiegelflächen und Reflektionen, Wasseraufnahmen und Animationseffekten, die an langsame Kamerafahrten erinnern. Die düster-surrealen Bilder werden von einem angemessen apokalyptisch anmutendem Soundtrack begleitet, der mit seiner Mischung aus unheilvollen choralen Gesängen und sanften orchestralen Melodien eine hypnotisierende Wirkung entfaltet. Die dissonanten Passagen erinnern wohl kaum zufällig an Krzysztof Pendereckis “Trauergesang für die Opfer von Hiroshima”.

Neben den Motiven der nuklearen Verwüstung tauchen auch jede Menge Referenzen zum Christentum auf. So zitiert der weißhaarige Soldat in einer Schlüsselszene, die im Kontrast zum nahezu dialogfreien Rest des Films steht, die Geschichte von Noahs Arche aus dem Alten Testament und mutmaßt, dass die Sintflut noch weiterhin andauert. Trotz des biblischen Symbolismus ist der Film jedoch keineswegs als eine explizit christliche Allegorie zu verstehen. Der Film ist vielmehr eine kontemplative Erfahrung, die Themen wie Zweifel und Hoffnung, Krieg und Sinnsuche, sowie die Möglichkeit der Entstehung einer neuen aus den Ruinen einer alten Welt verhandelt, ohne eine explizite Deutungsweise vorschreiben zu wollen.

Artem Konopelko

Details

Originaltitel: Tenshi no tamago
J 1985, 71 min
Sprache: Japanisch
Genre: Anime, Abenteuer, Fantasy
Regie: Mamoru Oshii
Drehbuch: Mamoru Oshii, Yoshitaka Amano

IMDB

Vorführungen

Filter
Multiplexe anzeigen

ALLE ANGABEN OHNE GEWÄHR.
Die Inhalte dieser Webseite dürfen nicht gehandelt oder weitergegeben werden. Jede Vervielfältigung, Veröffentlichung oder andere Nutzung dieser Inhalte ist verboten, soweit die INDIEKINO BERLIN UG (haftungsbeschränkt) nicht ausdrücklich schriftlich ihr Einverständnis erklärt hat.