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Tausend Zeilen

Relotius-Affäre, komisch

Michael „Bully“ Herbigs Komödie über die Relotius-Affäre orientiert sich deutlich am Vorbild SCHTONK! über die Stern-Affäre. Nettes Unterhaltungskino, die das Schnöseltum, die verblendete Arroganz und die Ambitionen von Karrieretextern auf die Schippe nimmt.

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Michael „Bully“ Herbigs Film TAUSEND ZEILEN beruht auf dem Buch „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ von Juan Moreno, der während Arbeit an einem gemeinsamen Artikel mit dem vielfach ausgezeichneten Journalisten Claas Relotius über die Situation an der Grenze zwischen Mexiko und den USA entdeckte, dass Relotius große Teile seiner Artikel frei erfunden hatte. Die Relotius-Affäre hätte zu einer Debatte über Stile und Formate des deutschen Journalismus führen können. Stattdessen ging es um „fake news“ und ähnliche Schlagworte, obwohl Relotius keine „News“ erfunden hat, sondern Erlebnisse, Interviews und Begegnungen. Die Affäre bewirkte einen Vertrauensverlust in den Journalismus insgesamt, nicht etwa in den speziellen Sprachstil des Magazins „Der Spiegel“ oder der deutschen Variante eines Journalismus, der sich in der Nachfolge des US-amerikanischen „New Journalism“ sieht. Den Begriff prägte ein 1973 von Tom Wolfe herausgegebener Band mit Artikeln von Autor*innen wie Joan Didion, Truman Capote, Hunter S. Thompson, Norman Mailer und Gay Talese. Für den typischen Stil in US-Magazinen wie „Atlantic“, „New Yorker“ oder „Rolling Stone“ sind diese erzählenden literarischen Formen und die Mischung aus radikal subjektiver Beobachtung und faktenbasierten Berichtformaten im Text noch heute bestimmend.

Relotius sei in der Zeit seiner größten Erfolge mit Egon Erwin Kisch, Tom Wolfe und Truman Capote verglichen worden sein, stand einst bei Wikipedia, aber das war wohl auch nur eine Fälschung, jedenfalls ist der Eintrag verschwunden, und es finden sich keine Belege dafür. Ganz falsch ist die Behauptung dennoch nicht. Relotius und viele andere Journalisten, die einen ähnlichen Stil schreiben, einer Mischung intimen erzählerischen Passagen, Fakten und Analysen, orientieren sich an diesen Autoren. Die New Journalism-Autoren legten ihre subjektive Perspektive stets offen. In den Artikeln ging es nicht nur um ihre Wahrnehmung, sondern immer auch um die Bedingungen dieser Wahrnehmung. Deutsche Nachrichtenmagazine und ihre Journalist*innen machen genau das nicht. Das Subjekt erscheint nicht in den Artikeln des deutschen Journalismus, es gibt kein „ich“, sondern ein „man“, ein „wir“ oder irgendein anderes Allgemeines, das spricht. Beobachtungen sollen wirken wie Tatsachen, weshalb die Verwechslung mit Tatsachen naheliegt. Der deutsche Journalismus spricht – wie andere ideologische Reden – so oft wie möglich aus der Perspektive Gottes. Dabei entwertet der „Spiegel“-Stil auch ordentliche Recherchen. Der Artikel von drei „Spiegel“-Reporter*innen über Ulrich Seidls seltsame bis missbräuchliche Praktiken am Set beginnt mit einer Szene, welche die Autor*innen nicht gesehen haben können: „Eingeklemmt sitzt Marian Nicolai zwischen zwei erwachsenen Männern, die er kaum kennt. Er ringt mit den Tränen (…)“. Zwar wird die Quelle der langen erzählerischen Passage drei Absätze weiter nachgereicht – „So beschreiben mehrere Personen eine Szene (…)“ – aber selbst diese Perspektivierung ist unpräzise und falsch. So literarisiert haben „drei Personen“ die Szene gewiss nicht beschrieben. So haben die vier Autor*innen ihren Artikel „angefeatured“, wie das im Fachjargon heißt. Der unmittelbare Eindruck ist der einer dramatischen Erzählung aus einer entpersönlichten Perspektive. Die journalistische Technik ist effektiv, aber gefährlich. Sie versucht, die Lesenden dramatisch mitzureißen und emotional anzusprechen, ihnen eine Perspektive aufzuzwingen. Damit ist nichts über die Präzision der Recherche gesagt. Aber genau solche besonders effektiven und emotionale Passagen hat Relotius vor allem gefälscht. Der Verzicht auf solche Formen führt zu komplizierteren Sprachkonstruktionen, die später im Artikel auch erscheinen, etwa indirekter Rede („Ein Junge sagt, es sei ihm unangenehm gewesen, dabei gefilmt zu werden“), direkten Zitaten und anderen Sprachkonstruktionen, die alle weniger immersiv sind, dafür präziser. Der Spiegel-Stil täuscht durch seine Form.

Bully Herbigs Film ist eine Komödie, und das Vorbild SCHTONK, über die „Stern“-Affäre und die gefälschten Hitler-Tagebücher ist schon an den pomadigen Frisuren der Redakteure wiederzuerkennen. Herbig schlägt komische Funken aus der Nettigkeit seines als Lars Bogenius (Jonas Nay) getarnten Journalisten, die sich freilich später als Tarnung für schnöselige Heimtücke entpuppt. Elyas M’Barek als „Juan Romero“ ist wie immer sympathisch und komisch und zeigt einige souveräne Slapstick-Standardsituation. Wenn der Film einen kritischen Punkt macht, dann den, dass Relotius geschrieben hat, was die Redakteure erwartet haben und was in das ideologische Gerüst des Magazins passt. Das reicht nicht wirklich für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema, und es spiegelt die talking points von Positionen, die am liebsten auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen würden und „objektive Berichterstattung“ fordern, als könne es die geben. Das Problem ist nicht, dass die politischen Positionen der Redaktionen in deren Inhalten spiegeln, ob in bürgerlich-liberalen Medien wie dem Spiegel oder bei anderen politischen Ausrichtungen zwischen Welt und Junger Welt. Das Problem ist eine der Form politischer Kommunikation und politischer Öffentlichkeit. Bully Herbigs satirische Komödie ist nettes Unterhaltungskino, die das Schnöseltum, die verblendete Arroganz und die Ambitionen von Karrieretextern auf die Schippe nimmt. Das ist auch ganz in Ordnung. Eine Art BAD BANKS über die Krise der Öffentlichkeit wäre auch schön, aber das kann ja noch kommen.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: 1000 Zeilen
Deutschland 2021, 93 min
Genre: Drama
Regie: Michael Bully Herbig
Drehbuch: Hermann Florin
Kamera: Torsten Breuer
Schnitt: Alexander Dittner
Musik: Ralf Wengenmayr
Verleih: Warner Bros.
Darsteller: Elyas M'Barek, Jonas Nay
FSK: 12
Kinostart: 29.09.2022

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Tausend Zeilen

(1000 Zeilen) | Deutschland 2021 | Drama | R: Michael Bully Herbig | FSK: 12

Michael „Bully“ Herbigs Komödie über die Relotius-Affäre orientiert sich deutlich am Vorbild SCHTONK! über die Stern-Affäre. Nettes Unterhaltungskino, die das Schnöseltum, die verblendete Arroganz und die Ambitionen von Karrieretextern auf die Schippe nimmt.

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