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Sunset

Materialität und Licht

Unmittelbar vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges macht sich eine junge Frau auf die Suche nach einem geheimnisvollen Bruder und gerät in ein Netz aus Intrigen, Anarchie, Verbrechen und Perversion.

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Gleich die ersten Bilder zeigen, dass es hier um Kino geht. Laszlo Nemes‘ neuer Film SUNSET ist, wie schon Nemes‘ mit dem Oskar als Bester Fremdsprachiger Film ausgezeichneter SON OF SAUL, auf 35mm-Film gedreht, und das sieht man. Die Bilder atmen Materialität und Licht. SUNSET ist im realen Budapest gedreht, in langen Szenen mit ständig bewegter Kamera. Der Effekt ist ein lebendiges, staubiges Stadtlabyrinth, in dem sich die Geschichte entfaltet.

Budapest, zu Beginn der 10er Jahre des 20. Jahrhunderts. Eine Dame, das Gesicht zur Hälfte von einer gewaltigen Krempe bedeckt, probiert spektakuläre Hüte auf. Die junge Frau, Iris Leiter (Juli Jakab), ist nur mit einer Kundin verwechselt worden, eigentlich will sie sich auf eine Stelle als Hutmacherin bewerben. Aber sie ist auch die Tochter der Gründer des Geschäfts, das noch ihren Namen trägt. Es hatte vor Jahren eine Katastrophe gegeben, bei der die Eltern starben. Iris war im Ausland und stellt nun fest, dass Oskar Brill, einst Prokurist ihrer Eltern, das Geschäft weiterführt. Brill wirkt verstört und teilt Iris mit, dass die Stellung bereits vergeben ist. In der Nacht steht ein verwahrloster Kutscher in Iris‘ Zimmer und macht, bevor er mit Pistolenschüssen verjagt wird, Andeutungen auf „den Sohn der Leiters“, Iris‘ Bruder, von dessen Existenz sie nichts wusste. Iris macht sich auf die Suche nach diesem geheimnisvollen Bruder und gerät in ein Netz aus Intrigen, Anarchie, Verbrechen und Perversion. Ohne je zu durchschauen, wer welche Rolle in dem Drama spielt, scheint sie die Geschehnisse mindestens mit auszulösen. Sie ist ebenso Beobachterin, die nichts erkennt (Iris), wie unfreiwillige Anführerin (Leiter) von Ereignissen.

Matyás Erdélys mitreißende Kamera bleibt fast immer nah bei Iris. Mit offener Blende gefilmt, verschwimmt die Umgebung, nur Iris und die Menschen, mit denen sie unmittelbar interagiert, sind stets scharf im Bild. Das Stilmittel schränkt den Blick auf das ein, was Iris selbst in den Fokus nimmt, es zeigt zugleich ihre und erzeugt unsere Desorientiertheit. Nemes` Bildsprache ist hier so immersiv wie in SON OF SAUL, wo die Kamera in gleicher Weise den Blick von Saul Ausländer auf die täglichen Abläufe in der Mordmaschine Auschwitz übernahm. Nur tauchen wir hier in die k.u.k. Vorkriegszeit ein, und der Ton wird gelegentlich auch mal komisch-absurd. Vieles, was wichtig wäre, findet nur auf der Tonebene oder im Hintergrund statt – Marschmusik und Umzüge, Schüsse – wenn Iris das eigentlich Bedeutende nicht gerade verpasst hat und nur noch das Ergebnis betrachten kann.

In mancher Hinsicht erinnert SUNSET an David Lynch, vor allem an TWIN PEAKS, obwohl der einen ganz anderen visuellen Stil pflegt. Aber die Spuren und Hinweise, die zu keinen klaren Antworten führen, die Verrätselung und der Schrecken sind ähnlich. Allerdings hat Nemes einen konkreten historischen Bezugspunkt und stellt damit auch die Frage nach der Möglichkeit von Politik. Seine oft in Interviews geäußerte These ist, dass wir in der Gegenwart den Lauf der Geschichte nicht erkennen können, und er uns deshalb auf die Spuren einer einsamen jungen Frau schickt, die nicht weiß, wem sie vertrauen soll. Nemes zieht deutliche Parallelen zur Gegenwart: „Ich glaube, wir leben in einer Welt, die nicht viel anders ist, als die kurz vor dem Ersten Weltkrieg 1914. Es ist eine Welt, die so gut wie blind für die Kräfte der Zerstörung ist, die sie selbst aus ihrem Inneren heraus nährt.“

Das ist eine pessimistische Position, die sich durchaus auch anzweifeln lässt. Völlige Abwesenheit von Erkenntnis würde jedes politische Handeln willkürlich und sinnlos machen. Wenn aber scheinbare Gewissheiten so vehement behauptet werden, wie es in aktuellen (Online-)Diskussionen der Fall ist, ist Nemes‘ Hinweis auf die Eingeschränktheit der eigenen Perspektive ein wichtiger Hinweis. Nemes geht es um die unmittelbare subjektive Erfahrung. Vielleicht ist das Sujet hier ein wenig zu breit angelegt, aber als ein filmisches Erlebnis ist SUNSET in jedem Fall einzigartig.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Napszállta
Ungarn 2018, 142 min
Sprache: Ungarisch, Deutsch
Genre: Drama
Regie: László Nemes
Drehbuch: László Nemes, Clara Royer, Matthieu Taponier
Kamera: Mátyás Erdély
Schnitt: Matthieu Taponier
Musik: László Melis
Verleih: MFA+
Darsteller: Vlad Ivanov, Susanne Wuest, Björn Freiberg, Judit Bárdos, Levente Molnár
FSK: 12
Kinostart: 13.06.2019

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