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Smalltown Girl

Maximalistisch

SMALLTOWN GIRL nimmt sein Publikum mit auf eine ganz und gar unorthodoxe Achterbahnfahrt durch das bekannte Minenfeld aus Liebe, (Hetero-)Sexualität und sexualisierter Gewalt.

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Eine Erscheinung in rosa Tüll ist die exzentrische Schneiderin Nore (Dana Herfurth). An diesem einen Abend in der Bar traut sich Jonna (Luna Jordan) endlich, sie anzusprechen. Die beiden kennen sich aus der Schule; damals wie heute ist Jonna von Nores Unerschrockenheit und sexueller Freizügigkeit hingerissen. Die beiden ziehen zusammen und beginnen eine intensive Freundschaft. Da sind überall blaue Flecken an Nores Körper, doch sie will sich ihre Abenteuerlust nicht nehmen lassen: „So viel muss einem die Freiheit schon wert sein“, sagt sie. Nach und nach offenbaren sich Risse in ihrem Selbstbild, und sie begibt sich auf eine schmerzhafte Suche. SMALLTOWN GIRL entfaltet ein grellbuntes Kaleidoskop ihres Lebens und Erlebens, von den ersten prägenden Grenzüberschreitungen als Jugendliche bis hin zu ihrem Kampf um Selbstbestimmung und Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte.

SMALLTOWN GIRL nimmt sein Publikum mit auf eine ganz und gar unorthodoxe Achterbahnfahrt durch das bekannte Minenfeld aus Liebe, (Hetero-)Sexualität und sexualisierter Gewalt. Wie sich das anfühlt, vergisst man nicht so schnell: Nach etwa einer halben Stunde entfaltet der Film der deutschen Regisseurin Hille Norden einen unbedingten Sog, aus dem man sich nicht befreien möchte. Dabei beharrt er störrisch darauf, unterhaltsam zu bleiben, mit Dialogen und Charakteren, die kratzen und kitzeln und manchmal zum Prusten lustig sind; mit ungewöhnlichen Situationen, die irgendwie doch so vertraut sind, dass man nur mauloffen nicken kann. Die Ästhetik könnte man als maximalistisch bezeichnen: In den filmischen Räumen ist alles voller Clutter – Pflanzen, Decken, Nippes, Müll, Wandgemälde, Obst und Stoff, speziell die fantastischen Kostüme, erzählen die Lebensgeschichten der Akteur*innen mit.

Nicht nur in den immer wieder überraschend inszenierten Sexszenen hat der Film eine starke Körperlichkeit. Beinahe spürt man durch die Leinwand die Härchen auf der Haut eines Mannes oder die Plastikhaare der falschen Flokati-Decke, die Nores WG-Zimmer komplett auszufüllen scheint. Alles ist schmutzig, aber auch opulent, todtraurig, aber auch lebensfroh, unendlich wütend und zärtlich zugleich. Hille Norden und ihr Ensemble (allen voran die bemerkenswerte Hauptdarstellerin Herfurth) greifen mit vollen Händen nach diesen Widersprüchen und wringen sie aus, bis auch der letzte Tropfen Erkenntnis die Kameralinse hinabgeflossen ist.

Am Ende dieses Filmerlebnisses ist man ein anderer Mensch und ahnt, dass es vielen anderen Zuschauer*innen ebenso gehen wird. SMALLTOWN GIRL ist eine Offenbarung, was das Sprechen über und das Zeigen von Sex und Gewalt im Kino anbelangt.

Eva Szulkowski

Details

Originaltitel: Small Town Girl
Deutschland 2025, 122 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama, Coming of Age
Regie: Hille Norden
Drehbuch: Hille Norden
Kamera: Bine Jankowski
Schnitt: Sarah Guggolz
Musik: Lennart Saathoff
Verleih: Neue Visionen
Darsteller: Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, Jakob Geßner, Jan Georg Schütte
Kinostart: 15.01.2026

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