
Neue Notiz
Sirât
Existentielle Reise
Auf einem Rave im Süden von Marokko, auf dem Luis mit seinem kleinen Sohn Esteban nach seiner verschwundenen Tochter sucht, nimmt eine existentielle Reise ihren Anfang
Der Himmel ist strahlend azurblau. Was von der Landschaft zu sehen ist, ist karg: weiß, braun, sepia, wüstenfarben. In Nahaufnahme schichten Raver massive Lautsprecher zu einer gigantischen Wand auf. Die ersten Gäste, die ersten Beats, die Kamera fährt zurück und offenbart den Schauplatz eines Raves im Süden Marokkos. Im Hintergrund verschwindet die Sonne, und das Felsmassiv hinter dem Soundsystem ändert langsam seine Farbe. Es geht los.
Es ist am besten, nicht vorab zu wissen, wohin die Reise geht in SIRÂT, dem bisher aufregendsten Film des Jahres. Aber so fängt sie an: Luis aus Spanien und sein vielleicht zehnjähriger Sohn Esteban suchen inmitten der wogenden Menge nach jemandem, der Mar gesehen haben könnte – die Tochter und Schwester, von der sie seit Monaten kein Lebenszeichen haben. Sie zeigen ihr Bild herum, während die Kamera im Rhythmus der Musik durch die Tanzenden gleitet. Sie hören von einem anderen Rave, noch tiefer in der Wüste, der an einem anderen Tag stattfinden soll. Vielleicht ist Mar dort.
Es wird Nacht, es wird Morgen, immer noch wummern die Bässe. Militärfahrzeuge fahren vor und lösen die Veranstaltung auf. Als sich zwei Geländefahrzeuge der Raver aus der Schlange lösen und in die Wüste brettern, schert auch Luis mit seinem kleinen Van aus und folgt ihnen. Es ist der Anfang einer existentiellen Reise, die immer tiefer in eine Landschaft aus lebensfeindlichem Geröll führt. Im Radio ist von Militäraktionen die Rede, ein dritter Weltkrieg scheint sich anzubahnen, aber für die kleine Crew in den drei Fahrzeugen sind andere Bedrohungen näher: Das unwegsame Gelände, das Wetter, die knapper werdenden Vorräte, eine namenlose Gewalt.
Die Wüstenbilder sind spektakulär, die Laienschauspieler*innen verkörpern glaubhaft die kleine Community aus wettergegerbten, physisch und psychisch versehrten Techno-Nomad*innen, und das Gefühl einer tödlichen Bedrohung, das von Anfang an in der Luft liegt, spitzt sich kontinuierlich weiter zu. SIRÂT hält eine Spannung, die an LOHN DER ANGST erinnert, Schauwerte und Drive können es mit MAD MAX: FURY ROAD aufnehmen, der Soundtrack aus Rhythmus, Trancezuständen und Stille ist sogar besser. Im Herzen erzählt der Film aber von einer existentiellen Verfasstheit, einer Verlorenheit und Akzeptanz, die ganz seine eigene ist.
Originaltitel: Sirat
Frankreich/Spanien 2025, 115 min
Sprache: Spanisch, Französisch, Englisch
Genre: Drama
Regie: Oliver Laxe
Drehbuch: Santiago Fillol, Oliver Laxe
Kamera: Mauro Herce
Musik: Kangding Ray
Verleih: Pandora Film Medien GmbH
Darsteller: Sergi Lopez, Bruno Núñez, Richard Bellamyun, Stefania Gadda, Joshua Liam Herderson
Kinostart: 14.08.2025
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