
Neue Notiz
Shahid
Radikale Dekonstruktion
Die in München lebende iranische Regisseurin Narges Kalhor will den Beinamen „Shahid“ (Märtyrer) loswerden, den ihre Familie seit dem Tod des Großvaters trägt. Mit Wut, Humor und Verve legt Kalhor aus vielen Versatzstücken ein radikales filmisches Selbstporträt.
Alles wird dekonstruiert, jeglicher Realitätsgrad infrage gestellt. Nichts und niemand ist vor Narges Kalhor sicher – schon gar nicht sie selbst. Darin brilliert SHAHID, das autofiktionale Musical-Mockumentary-Spektakel der iranischen Regisseurin und Videokünstlerin, die seit 2011 in München lebt.
„Shahid“ ist Persisch und bedeutet „Märtyrer“ - jemand, der „gewillt ist, sein Leben für seinen Glauben zu geben.“ „Jemand, der nicht mehr existiert“, sagt Narges, gespielt von Baharak Abdolifard. So wie ihr Großvater, dessen „Märtyrertod“ der Grund dafür ist, dass der Zusatz „Shahid“ zu ihrem Familiennamen dazugehört. In der Arztpraxis, auf dem Amt, überall ist sie „Frau Shahid“. Er (Nima Nasarinia) verfolgt sie: Beim ersten Aufwachen sind er und seine Kumpels schon da, tanzen in wallenden schwarzen Gewändern singend durch die Haustür hinterher. Das nervt – ähnlich wie die Kirchenglocken, die hier in Bayern pausenlos zu läuten scheinen.
Von den Kostümen, gestaltet von einer anonymen iranischen Künstlerin, über Szenenbild, Musik und Choreografie - vom ersten Moment an entfaltet der Film einen umwerfenden Charme. Die Münchner Straße ist eindeutig Kulisse, jede Szene und Interaktion ganz offensichtlich durchinszeniert. Als Narges dann aber auf dem Amt sitzt und ihre Namensänderung beantragt, wirkt alles so echt, dass man gar nicht merkt, dass das gar nicht wirklich Narges ist. Dann wiederum tritt die Regisseurin selbst in scheinbaren „Behind the scenes“-Aufnahmen in Erscheinung – auch hier ist nichts „authentisch“.
Ebenen werden vermischt, zerrissen oder ganz aufgelöst und dann aus den Schnipseln und Überresten wieder aufgebaut zu einem sonder- und wunderbaren surrealistischen Mosaik. Mit Wut, Humor und Verve legt Kalhor aus vielen Versatzstücken ein radikales filmisches Selbstporträt.
Deutschland 2024, 84 min
Genre: Biografie, Drama, Musical
Regie: Narges Kalhor
Drehbuch: Narges Kalhor, Aydin Alinejad
Kamera: Felix Pflieger
Schnitt: Narges Kalhor, Frank J. Müller
Musik: Marja Burchard
Verleih: Michael Kalb Filmproduktion
Darsteller: Baharak Abdolifard, Nima Nazarinia, Narges Kalhor, Thomas Sprekelsen, Carine Huber
Kinostart: 01.08.2024
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