
Neue Notiz
Rote Sterne überm Feld
Ostdeutsches Tableau Vivant
Laabs will Untiefen und Risse erzählen und das trotzdem mit Humor, zündet ein Tischfeuerwerk an Verweisen und filmsprachlichen Mitteln und nimmt auch sich selbst, als Teil der linken Kulturbubble, auf die Schippe.
Laura Laabs zitiert im Verweis auf die Herangehensweise an ihr Langfilmdebut, das auf dem Filmfestival Max Ophüls den Preis der Deutschen Filmkritik erhielt, Thomas Heise: „Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen.“ Und man stellt sich beim Schauen ihres Filmes unweigerlich vor, wie die Regisseurin, umgeben von einer schier unübersehbaren Anzahl an Häufchen (vielleicht Maulwurfshügeln) in Bad Kleinen (vielleicht im Kleingarten) sitzt. Da spielt der Film, und dort ist Laabs auch aufgewachsen. Eine Ostdeutsche erzählt gesamtdeutsche Geschichte, das sei hier extra erwähnt, weil immer noch selten. Über zehn Jahre hat sie gebraucht, um zu recherchieren, zu verschriftlichen, sich am Vorgefundenen zu reiben, es durchzusieben. Dann Dreharbeiten, der Schnittprozess – den 130 Minuten spürt man an, dass Laabs minutiös, Segment für Segment, ihre Interpretation des „Haufens“ errichtet hat.
Die Handlung lässt sich nicht einfach fassen. Aktivistin Tine fungiert als der rote Faden der Erzählung. Sie hat es geschafft, mit ihrem Künstler*innenkollektiv den Reichstag zu erklimmen und rote Fahnen zu installieren. Jetzt wird nach ihr gefahndet, und sie flüchtet zu ihrem Vater in die ostdeutsche Provinz. Dort gibt es viel Resignation, eine abgetauchte Mutter und ein ganzes Haus voller Familiengeschichten, inklusive Stasivergangenheit und RAF, zu verarbeiten. Auf dem Dachboden dann der Fund von Feldpost aus dem 2. Weltkrieg, der Tine zu weiteren Nachforschungen im Dorf inspiriert. Die Geister, die sie weckt, sitzen alsbald an ihrem Küchentisch. Dazwischen fällt ein Team von Geologen ins Dorf ein, um eine Moorleiche zu heben. Könnte diese etwas mit dem Verschwinden des ehemaligen LPG-Vorsitzenden zu tun haben, der die Abwicklung seines Betriebes nicht verkraftet hat? Oder handelt es sich um einen Wehrmachtssoldaten?
Laabs setzt Tine auch an den Stammtisch mit den Dorfnazis, natürlich alles ihre alten Schulfreunde. Aber interessanterweise ist es der Regie nicht an irgendwelchen Charakterentwicklungen und Einsichten gelegen, besonders nicht an dem persönlichen Empfinden ihrer Hauptfigur. Vielmehr lässt sie die Dialoge eher proklamieren als spielen. Es geht nicht um den Einzelnen, der ist nur ein Gefäß, das Perspektiven bewahrt, sondern um das System Gesellschaft. Aber das nimmt Laabs persönlich. Sie will Untiefen und Risse erzählen und das trotzdem mit Humor, zündet ein Tischfeuerwerk an Verweisen und filmsprachlichen Mitteln und nimmt auch sich selbst, als Teil der linken Kulturbubble, auf die Schippe.
So wird das ostdeutsche Buffet als Tableau vivant aufgefahren, inklusive Mettigel und Eierlikör, Anleihen an Heimatfilm, mit Reality-Trash-TV parallel geschnitten, Rammsteinmusikvideoästhetik (mit dem echten Till Lindemann), mit wokem Sprech inklusive Hipstergraphics gemixt. Und diese Mischung, aus sich fast zu ernst nehmen, aber auch über sich lachen können, ist erfrischend ehrlich. Laabs traut sich das Überbordende zu, auch das Scheitern, das Imperfekte, Angreifbare, denn manche Szenen wirken plakativ, die Erzählstimme manieriert. Aber so wie Provinz ideologisch auf Stadt prallt, die Frage nach dem Ostdeutschen in Deutschland und andersherum ausgehalten werden muss, um sich vielleicht endlich gemeinsam der deutschen Vergangenheit zu stellen – so chaotisch funktioniert dieser Film: als kalkulierte Zumutung.
Deutschland 2025, 133 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama
Regie: Laura Laabs
Drehbuch: Laura Laabs
Kamera: Carlos Vasquez
Schnitt: Emma Alice Gräf
Musik: Lukas Lauermann
Verleih: farbfilm Verleih
Darsteller: Hannah Ehrlichmann, Hermann Beyer, Jule Böwe, Andreas Döhler, Camill Jammal
Kinostart: 06.11.2025
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Rote Sterne überm Feld
Deutschland 2025 | Drama | R: Laura Laabs
Laabs will Untiefen und Risse erzählen und das trotzdem mit Humor, zündet ein Tischfeuerwerk an Verweisen und filmsprachlichen Mitteln und nimmt auch sich selbst, als Teil der linken Kulturbubble, auf die Schippe.
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