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The Wounded Angel

Erregend und traumatisch

In einer Reihe von hochgradig ästhetischen Tableaus, die sich an den metaphysischen Gemälden des finnischen Malers Hugo Simberg orientieren, erzählt THE WOUNDED ANGEL von vier Jungen, die post-sowjetischen Kasachstan erwachesen werden.

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Der Weg von der Kindheit zum Erwachsenwerden ist in vielerlei Hinsicht eine Vertreibung aus dem Paradies, ein Verlieren von Sicherheiten und Illusionen und eine Konfrontation mit Tod und Verfall. Aber auch mit Dingen, deren Schönheit erst durch einen Sündenfall, den Verlust der eigenen Naivität, klar wird.
Das post-sowjetische Kasachstan in Emir Baigazins zweitem Film ist wenig paradiesisch. Mit seinen Ruinen, kargen Steppen und nächtlicher Stromabschaltung erinnert es eher an eine postapokalyptische Dystopie als an einen modernen Staat. Hier wachsen vier Jungen auf: Zhavas, dessen Vater wegen seiner Vorstrafe keine Arbeit findet, muss die Versorgung der Familie in die Hand nehmen. ‚Küken‘, ein begabter Knabentenor, liebt die Musik und verabscheut die Gewalt seiner Altersgenossen. Als ihn aber der Stimmbruch einholt, entdeckt er neue Seiten an sich. ‚Kröte‘ verdient sich ein Zubrot, indem er Kupfer aus kaputten Fabriken klaut. Gerade noch jung genug, um von seiner Mutter einen Geburtstagskuchen mit Kerzen zu fordern, entdeckt er in einem Tunnel ein Trio buchstäblicher ‚Lost Boys‘, deren Drogenräusche in gleicher Weise erwachsen-verkommen und kindlich-verspielt sind. Und zuletzt ist da Aslan, der gerne Abdrücke von Blättern macht und davon träumt, als Chirurg den menschlichen Körper zu erforschen, seinen eigenen Körper aber nicht beherrschen kann und von der Idee besessen ist, dass in ihm ein Baum wächst.
Das alles wird von Yves Cape (HOLY MOTORS) in eine Reihe von hochgradig ästhetischen Tableaus voller Stille arrangiert. THE WOUNDED ANGEL bezieht sich auf die metaphysischen Gemälde des finnischen Malers Hugo Simberg. Genau wie der sich weigerte, sein titelgebendes Bild zu erklären und seine Bilder gleichzeitig schön und verstörend sind, zeigt auch Baigazins Film das Erwachsenwerden als gleichzeitig erregend und traumatisch.

Christian Klose

Details

Originaltitel: Ranenyy Angel
Deutschland/Frankreich/Kasachstan 2015, 113 min
Genre: Drama
Regie: Emir Baigazin
Drehbuch: Emir Baigazin
Kamera: Yves Cape
Schnitt: Emir Baigazin
Verleih: déjà-vu film
Darsteller: Timur Aidarbekov, Omar Adilov, Nurlybek Saktaganov, Madiyar Aripbay, Madiyar Nazarov
Kinostart: 03.11.2016

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