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Funeral Parade of Roses

Meisterwerk, Nouvelle Vague, Rasiermesser, Diverse

Wiederentdeckung: Ein ultraschickes japanisches Transgender-Drama aus den 60er Jahren, frei nach dem Ödipus-Mythos.

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Im Kino hat das Publikum keine Möglichkeit, das Bild anzuhalten. Keine Pause, kein Standbild. So rasen die 105 magischen Minuten, die Toshio Matsumotos FUNERAL PARADE OF ROSES sind, viel zu schnell an uns vorbei. „Stop!“ will man rufen, „Zeig das nochmal!“. Fast als hätte sich Matsumoto das selbst gedacht, wiederholen sich einige seiner Bilder. Sieben nackte Körper vor weißem Hintergrund zum Beispiel: von hinten gefilmt, eine weiße Rose steckt in Po Nummer sechs. Eine Blumenvase, die verlangsamt zu Boden fällt. Eine Frau, aus deren Hüfte Blut spritzt.

Japan, 1969: Unter Beatles-Postern kiffen junge Erwachsene, die Maruso, Dondon, Minchai oder Norumo heißen, oder geben einem Interviewer Auskunft über Drogen. Ein Mann wird Guevara genannt, aber sein Bart ist nur aufgeklebt. Jean Genet geistert durch die Unterhaltungen, zur Gogo-Platte tanzt die Jugend in Unterwäsche. Eigentlich geht es aber um einen Film im Film. Teils Dokumentation, teils Sexfilm, ohne dass wir jemals Genitalien zu sehen bekämen. Pos schon.

FUNERAL PARADE OF ROSES ist eigentlich ein kaum beschreibbarer, ein unbeschreiblicher Film. In gestochenen Schwarz-Weiß-Bildern stellt Toshio Matsumoto das Kino auf den Kopf, tobt stilsicher durch Genres, Tempi, Stimmungen, Orte und Inszenierungsstile, dass einem die Ohren schlackern. Text und Filmstreifen werden zum Teil der Erzählung, mal zoomt die Kamera wie besessen auf ihre Motive ein, dann ruht sie geduldig auf ihrem Personal oder guckt aus großer Höhe auf die Menschen der Stadt. Immer wieder werden neue Bildschnipsel in den Film geschmuggelt, oder es erschüttert plötzlich ein Schnittgewitter den ruhigen Fluss einer der zahlreichen Geschichten. Auf beschleunigte Slapstick-Einlagen folgen Westernelemente, Beziehungsdramen, und schließlich endet alles im blanken Horror.

„Es gibt keine absolute Definition des Kinos mehr. Alle Tore stehen offen“. Jonas Mekas‘ Name scheint zwar noch nicht zu sitzen, sein Zitat im Film aber schon. Es wimmelt nur so von Meta-Betrachtungen in FUNERAL PARADE OF ROSES, und das zu einer Zeit, in der das Kino die Postmoderne noch gar nicht zum eigenen Genre erklärt hat. Studierende der Filmwissenschaft seien wachsam: Antonioni, Bergmann, Godard, Hitchcock, Resnais, Buñuel böten sich als Referenzen an. Im Schlagwortkatalog finden sie zudem: Paare im Raum, Duschszenen, Rasiermesser, Paare in Interieurs, Jump-Cuts, Close-Ups, Nouvelle Vague, diverse. Folgende Regisseure haben FUNERAL PARADE OF ROSES sicher mehr als einmal gesehen: Von Trier, de Palma, Glazer. Das sollte reichen. Szenenende, die Kamera verschwenkt sich im Raum: Cut!

Die roten Fäden des Films halten die Gay Boys Tokyos in ihren Händen. Sie leben als Frauen, lieben, singen, haben Sex, essen Softeis und geben der Kamera bereitwillig Auskunft über ihre geschlechtliche Identität. Das Wort Transgender kommt nicht vor, stattdessen aber Männer, die der Film als die Frauen ernst nimmt, die sie sind. „Unapologetically queer“ würde man das wohl heute nennen. Lustvoll ist das ins Bild gesetzt, sehr liebevoll und sehr lustig. Wer die Gay Boys in ihren Twiggy- und Mod-Outfits auf der Straße Tunten nennt, kriegt aufs Maul. Im Zeitraffer, versteht sich. Ihre Dramen sind die Dramen des Films, ihre Sinnlichkeit und Schönheit sind die Musen der Kamera. Avantgarde im Underground zwischen Rotlichtbar, Drogenhandel und der großen Liebe.

Man muss es nicht begreifen, man muss es bestaunen, was man da sieht, und was jetzt noch schärfer aussieht als je zuvor. In aufwendiger 4K-Restaurierung bringt der Verleih Rapid Eye Movies ein Meisterwerk neu in die Kinos, das in auffällig vielen Filmgeschichten fehlt. Der kurze Abspann des Films lässt zum Ende wenig Zeit für ein Ausatmen. Geweitete Augen, die auf ausgestochene Augen geblickt haben. Das „Zeig das nochmal!“ ist aber zum Glück ein Prinzip des Kinos. FUNERAL PARADE OF ROSES will man auf der großen Leinwand sofort noch einmal gucken.

Toby Ashraf

Details

Originaltitel: Bara no Sōretsu
Japan 1969, 105 min
Sprache: Japanisch
Genre: Drama
Regie: Toshio Matsumoto
Drehbuch: Toshio Matsumoto
Kamera: Tatsuo Suzuki
Musik: Jōji Yuasa
Verleih: rapid eye movies
Darsteller: Peter, Osamu Ogasawara, Toyosaburō Uchiyama, Emiko Azuma, Yoshio Tsuchiya
FSK: 18
Kinostart: 18.10.2018

NEUSTART

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