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Oktober November

Meister der Paarbeziehung

Sonja, die fröhlich-rücksichtslose Städterin, Verena, die aufopfernde Daheimgebliebene, das sind die Rollen die zwei Schwestern einander und der ganzen Welt ausdauernd vorspielen. Dahinter liegt ein Dickicht widersprüchlicher und unausgesprochener Gefühle, die Götz Spielmann in OKTOBER NOVEMBER ausführlich seziert und Stück für Stück freilegt, bis seine Personen einander und sich selbst ihr Unglück endlich eingestehen.

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Der österreichische Regisseur Götz Spielmann (* 1961) ist ein Meister im Inszenieren von Paarbeziehungen. Alles was Spielmann braucht, um einen Film zu machen, sind zwei Personen in einem Raum. Aus dieser Konstellation kann sich alles entwickeln: Liebe, Leidenschaft, Hass, Eifersucht, Neid, Gleichgültigkeit und manchmal auch eine Mischung aus alledem. Oft finden die Gefühle unausgesprochen statt, zeichnen sich nur in den Gesichtern ab, äußern sich in einer Geste, einem herausgerutschten Satz oder im Ausbleiben einer Antwort. In einer Szene in Spielmanns neuem Film OKTOBER NOVEMBER hilft die Schauspielerin Sonja (Nora von Waldstätten) ihrer Schwester Verena (Ursula Strauss), die auf dem Dorf wohnen geblieben ist, im elterlichen Gasthof. Sonja ist eigentlich nur auf einen kurzen Besuch vorbei gekommen, aber dann liegt der Vater im Sterben und sie bleibt länger. Während sie die Tische abräumt, plaudert sie fröhlich davon, wie gut, so zur Abwechslung, körperliche Arbeit tut. Verena räumt schweigend in der Küche herum. Ihr Gesicht spricht Bände. Sonja, die fröhlich-rücksichtslose Städterin, Verena, die aufopfernde Daheimgebliebene, das sind die Rollen die beide einander und der ganzen Welt ausdauernd vorspielen. Dahinter liegt ein Dickicht widersprüchlicher und unausgesprochener Gefühle, die Götz Spielmann in OKTOBER NOVEMBER ausführlich seziert und Stück für Stück freilegt, bis seine Personen einander und sich selbst ihr Unglück endlich eingestehen. Die äußere Fassade sah vielleicht besser aus, aber die Kapitulation, das Ablegen der Maske, sei es auch nur für einen Moment, birgt auch die Chance auf Nähe. In einer Szene spricht der milde gewordene Vater im Krankenzimmer versöhnlich vom Leben und davon, dass alles, letzten Endes, doch gut sei. Tochter Sonja sitzt kreuzunglücklich daneben. Sie steckt mitten in ihrem vergurkten Leben und für sie ist, im Moment jedenfalls, nichts gut. Die Szene ist tröstlich in ihrer Ehrlichkeit. Es ist eine seltsame, möglicherweise sehr österreichische Idee eines Happy Ends.

Spielmanns frühere Filme waren ebenso genau beobachtet, aber weniger versöhnlich. DER NACHBAR (1993) spielt im Wien der Nachkriegszeit. Dort lebt der alte Rudolf Pawlik, der einen Roman-Tauschladen unterhält und abends der alten Frau Smekal Abendessen vorbei bringt. Als sie verstirbt, ziehen ihr schmieriger Sohn Herbert und seine tschechische Geliebte Michaela in die Wohnung ein. Pawlik beginnt, Michaela zu beobachten. Er entdeckt den Stripclub, in dem sie arbeitet und hinterlässt täglich Rosen. Für ihre achtjährige Tochter Agnes wird er zum liebevollen Babysitter. Spielmann entwirft in DER NACHBAR eine schillernde Halbwelt voller moralischer Bequemlichkeitslügen. Am verlogensten ist dabei perfiderweise der ehrenwerte Pawlik, der, in seinem Wahn, Michaela durch Heirat zu einer „ehrlichen“ Frau zu machen, zum Stalker wird. „So eine bist du nicht!“ sagt er zu ihr, als er sie im Bordell besucht. „Doch“ sagt sie, „so eine bin ich“.

In ANTARES (2004) inszeniert Spielmann gleich einen ganzen Reigen solcher dysfunktionalen Paar- und Abhängigkeitsbeziehungen, die lose durch einen Autounfall miteinander verbunden sind. Da ist das ganz junge Pärchen, Sonja und Marco, sie krankhaft eifersüchtig, er ein notorischer Fremdgänger, beide für den anderen die Trophäe, die man nicht aufgeben will und wenn nötig, mit Lügen an sich bindet. Die Beziehung zwischen Nicole und dem gewalttätigen Alex ist eigentlich schon beendet, aber Alex will das nicht wahrhaben. Immer wieder taucht er in Nicoles Wohnung auf und will reden: „Das Problem ist, dass du nicht zuhörst“, schreit er sie an, und „Ich liebe dich, verstehst du?“. Das Mittelschichtspärchen Eva und Alfred kommt ohne offene Gewalt aus, hier herrschen eisige Kälte, Desinteresse und seelentote klassische Musik. Immerhin, eine tröstliche Beziehung kommt vor: Eva hat eine leidenschaftliche Affäre mit Tomasz. Ihre perversen Spiele sind weit weniger pervers als der „normale“ Alltag um sie herum.

Mit REVANCHE, der von Österreich zu den Oscars eingereicht wurde, hat Spielmann 2008 seinen bisher dichtesten Film gedreht. Johannes Krisch spielt Alex, Aushilfsjobber in einem Bordell, der sich in Tamara (Irena Potapenko) verliebt und Pläne für einen großen Coup schmiedet, bei dem Tamara dann durch eine Verkettung von Zufällen ums Leben kommt. Andreas Lust spielt den jungen Polizisten Robert, der Tamara aus Versehen erschossen hat und Ursula Strauss seine Frau Susanne, die gerne schwanger werden möchte. REVANCHE ist ein schweigsamer Film, der über lange Strecken darin besteht, dass Krisch wie ein Besessener Holz hackt. In anderen Szenen joggt Robert ums Haus und Susanne schaut aus dem leeren Neubau über die Felder. REVANCHE lässt einem Zeit, sich in die Protagonisten hineinzudenken und in die Fragen von Schuld, Rache und Vergebung, die sie umtreiben. Man kommt ihnen dabei so nah wie nie zuvor in Spielmanns Filmen. REVANCHE stellt insofern fast einen Perspektivwechsel in Spielmanns Werk dar. Die Lebenslügen sind näher gerückt, es sind nicht mehr nur die der anderen, sondern, möglicherweise, die eigenen.
In OKTOBER NOVEMBER geht Spielmann diesen Weg weiter. Statt im Rotlicht- und Kleinbürgermilieu spielt der Film in der ländlichen Mittelschicht und unter Schauspielern in der Stadt. Die Probleme, mit denen die Protagonisten zu kämpfen haben, sind alltäglicher geworden: Depression anstelle von Hass, Neid anstelle von Gier, kleine Auslassungen anstelle von großen Lügen, hier und da mal eine heimliche Affäre. Die Bildgestaltung, bei Spielmann immer schon eher unterkühlt-realistisch, ist betont einfach. Natürliches Licht, sparsamer Einsatz von Musik, ungeschminkte Darsteller, eine unaufdringliche Kameraführung. Der Plot, bei ANTARES noch raffiniert verwoben und bei REVANCHE mit der Dichte eines Thrillers angelegt, löst sich nahezu auf zugunsten einer Reihe von einzelnen Begegnungen und Gesprächen, die erst zusammen zu einem Gesamtbild akkumulieren. Das macht OKTOBER NOVEMBER nicht zu zugänglichsten von Spielmanns Filmen, möglicherweise aber zum mutigsten.

„Ich glaube an die subversive Kraft der Emotionen, weil sie nicht so leicht zivilisierbar sind wie das Denken. Man sieht das ja an bestimmten Schicksalen, wie da plötzlich bei irgendjemand eine Emotion aufbrechen kann, und der zerstört sich oder jemand anderen. Ich meine, das im emotionalen Leben tatsächlich eine viel, viel größere Lebendigkeit – wenn auch im Verborgenen – herrscht als im nicht-emotionalen Bereich. Gedanken sind einander viel ähnlicher als Emotionen.“ (Götz Spielmann).

Hendrike Bake

Details

Österreich 2013, 114 min
Genre: Drama
Regie: Götz Spielmann
Drehbuch: Götz Spielmann
Kamera: Martin Gschlacht
Schnitt: Karina Ressler
Verleih: MFA+ Filmdistribution
Darsteller: Peter Simonischek, Ursula Strauss, Sebastian Koch, Nora von Waldstätten, Johannes Zeiler, Andreas Ressl
FSK: 12
Kinostart: 12.06.2014

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