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Nuestro Tiempo

Wer manipuliert wen?

Juan ist erfolgreicher Dichter und Kampfstierzüchter, Ester leitet die Farm der Familie, sie haben eine offene Beziehung vereinbart. Als Ester eine Affäre mit dem Pferdetrainer Phil beginnt, ist Juan zunächst empört, dann beginnt er, seine Frau heimlich zu beobachten.

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Die Kritiken zu Carlos Reygadas Film NUESTRO TIEMPO waren beim Filmfestival von Venedig gespalten, und es hagelte heftige Verrisse. Variety entdeckte in Reygadas Film nichts als „toxische Männlichkeit“ und eine „Geschichte, die selbst Reygadas Psychiater langweilen würde“, und auch der Hollywood Reporter befand, NUESTRO TIEMPO sei eine „nervtötende Nabelschau“. Reygadas ist nicht irgendwer, er hatte mit STELLET LICHT, einer Dreiecksgeschichte, die in einer deutschsprachigen mennonitischen Gemeinde in Mexiko spielte, internationalen Erfolg, BATTLE IN HEAVEN war ein komplexer Essay über Klassen, Schuld und Leidenschaft, POST TENEBRAS LUX gewann den Jury-Preis in Cannes.
Es lässt sich nicht bestreiten, dass NUESTRO TIEMPO eine Herausforderung ist. Der Film ist drei Stunden lang, und es dauert eine dreiviertel Stunde, bevor die Erzählung Fuß fasst. Viele, die den Film liebten, interessierte die Geschichte selbst weniger als einzelne Teile. Dazu zähle ich auch, obwohl ich die Dreiecksgeschichte zwischen eloquenten Erwachsenen spannend und präzise erzählt fand. Wo findet man im Gegenwartskino schon noch einen Film, dessen Grundlage die Idee ist, dass Liebe nicht auf Besitzansprüchen beruhen kann?
Reygadas selbst und seine Ehefrau Natalia López spielen die Hauptrollen, das Ehepaar Juan und Ester. Er ist erfolgreicher Dichter und Kampfstierzüchter, sie leitet die Farm der Familie. Bevor der Film sich auf die beiden Hauptfiguren konzentriert, entwirft Reygadas ein Panorama des Landlebens der intellektuellen Oberschicht. Jungen spielen am See und bewerfen sich mit Lehm, bevor sie die etwas älteren Mädchen im Schlauchboot „überfallen“. Teenager kiffen und trinken unter einem Baum und beschweren sich über den „verdammten Schlamm“, ein Paar entfernt sich von der Gruppe und hat Sex. Die erwachsenen Männer und Frauen amüsieren sich mit rodeo-artiger Reitkunst, es wird viel getrunken und sich auf die Schultern geklopft. Die große Tiefenschärfe der Filmaufnahmen rückt vor allem die großartige Landschaft ins Bild. Es ist ein raues Idyll mit unschuldigen Leidenschaften.
Dann fährt Ester mit dem US-amerikanischen Pferdetrainer Phil in die Stadt. Am nächsten Morgen tötet ein Stier während der Fütterung ein Maultier. Die drastische, realistische Szene sieht sehr echt aus. Als Ester aus der Stadt zurückkehrt, ist Juan über ihre gute Laune verärgert, zumal sie die Neuigkeit vom Tod des Maultiers kaum zu berühren scheint. Er findet auf ihrem Telefon zahlreiche Nachrichten von Phil. Ester ist überzeugt davon, dass die Affäre mit Phil kein Problem sein könnte, schließlich hatte Juan oft genug über den Gegensatz von Liebe und Besitz geredet. Juan ist wütend, vorgeblich weil Ester die Affäre nicht vorher abgesprochen oder wenigstens eingestanden hat. Wie zum Beleg, dass es ihm nicht um Eifersucht geht, fädelt er für Ester eine Affäre mit einem anderen Geschäftspartner ein, bevor er sich direkt an Phil wendet.
Reygadas interessiert sich offensichtlich am meisten für Juans Perspektive, aber er schildert den Ehemann als eine widersprüchliche Figur. Die US-Kritik hat in der Figur vor allem Machismo bzw. "toxische Männlichkeit“ gesehen: Juan inszeniert die Treffen seiner Frau mit anderen Männern so, dass er sie heimlich beobachten kann, er handelt hinter ihrem Rücken und manipuliert seine Umgebung. Im Kontext der #metoo-Diskussionen in den USA ist das eindeutig missbräuchlich. Aber wer hier wen manipuliert, ist nicht ganz so einfach zu klären, ebenso wenig wie Juans Motivationen. Vielleicht handelt er aus Liebe – als wäre vollkommen klar, was das eigentlich ist – vielleicht aus Kontrollsucht. Wahrscheinlich spielen vermischte Begierden eine Rolle.
Am überzeugendsten sind Szenen, die direkt körperliche Gefühle in Bilder fassen. Nach einem Streit mit Ester führt Juan ein Gespräch, bei dem der Dialog allmählich vom Rauschen der Pappeln übertönt wird, noch bevor Reygadas auf die windgepeitschten Bäume schneidet. Später liest Ester im Off einen Brief an Juan, in dem sie ihre Gefühle zu erläutern versucht, während die Kamera den Landeanflug auf eine mexikanische Großstadt im Dschungel zeigt und das Dröhnen der Motoren immer lauter wird. Etwas drängt, dröhnt und rauscht immer unter dem zivilisierten, reflektierten Verhalten des liberalen Kunst-Bürgertums.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Nuestro tiempo
Mexiko/ Frankreich/ Deutschland/ Dänemark/ Schweden 2018, 173 min
Sprache: Spanisch
Genre: Drama
Regie: Carlos Reygadas
Drehbuch: Carlos Reygadas
Kamera: Diego Garcia
Schnitt: Natalia López
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Carlos Reygadas, Natalia López, Phil Burgers, Eleazar Reygadas
Kinostart: 27.06.2019

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