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Der See der wilden Gänse

Wild, wunderschön, melancholisch

Wie in den klassischen Noir-Filmen der 1940er Jahre ist der Held in Diao Yinans Neo-Noir ein Verlorener. Die eigentliche Heldin eine Frau. Die beiden treffen sich an einem Bahnhof in Wuhan. Er sieht ziemlich abgerissen aus, sie ist nicht durch Zufall da. Sie erzählen sich ihre Geschichten.

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Es ist, als hätte Diao Yinan, dessen FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAG 2013 den Goldenen Bären der Berlinale gewann, in DER SEE DER WILDEN GÄNSE die gesamte Geschichte des Noir-Genres aufgesogen, alle Bilder und Geschichten und Obsessionen. Wie die klassischen melancholischen Helden in THIS GUN FOR HIRE oder D.O.A. ist der Held ein Verlorener. Wie in den klassischen Noir-Geschichten von Cornell Woolrich ist die eigentliche Heldin eine Frau. Und wie in den klassischen Noir-Filmen spürt Diao im Rahmen der Gangstergeschichte gesellschaftlichen Realitäten nach. Vor allem aber ist Diao ein brillanter Stilist. Immer wieder brechen originelle filmische Ideen sich Raum, wie in einer Kampfszene zwischen zwei Gangs, die sich in statische Aufnahmen von ineinander verkeilten Männerleibern auflöst: Bilder die wirken wie Detailaufnahmen des Pergamonaltars. Das geht nahtlos über in eine Martial Arts-Szene, in der der Held sich Raum verschafft, bevor der Film wieder das Tempo wechselt. DER SEE DER WILDEN GÄNSE kann eigentlich nur im Kino gesehen werden. Nicht nur sind Bilder so groß, dass sie im Kino besser wirken, vor allem ist der Film so detailreich und voller überraschender Tempowechsel, dass man schon genau hinsehen muss, um alles mitzubekommen, zumal der Film dem Publikum bewusst einige Informationen vorenthält.

Ein Mann und eine Frau treffen sich an einem Bahnhof in Wuhan. Er sieht ziemlich abgerissen aus, sie ist nicht durch Zufall da. Er wartet auf seine Frau. Sie sagt, die könne nicht kommen, aber sie sei der Ersatz. Sie erzählen sich ihre Geschichten.
Er, Zhou Zenong (Hu Ge), ist der Chef einer Gang, die sich auf den Diebstahl von Motorrädern in Wuhan spezialisiert hat. Im Streit um Revierrechte mit einer anderen Gang gerät er in einen Hinterhalt und erschießt auf der Flucht aus Versehen einen Polizisten. Nun ist sowohl die Gegner-Gang als auch die gesamte Polizeimacht Wuhans hinter ihm her. Er weiß, dass er keine Chance hat, und will sich lediglich so ergeben, dass seine Frau die hohe Belohnung, die auf seinen Kopf ausgesetzt ist, erhält.

Sie, Liu Aiai (Kwei Lun-Mei) ist eine „Badeschönheit“, eine Prostituierte, die an einem Badesee an der Peripherie von Wuhan für den Gangster Hua Hua arbeitet, einen Freund von Zenong. Sie hat Zenongs Ehefrau ausfindig gemacht, aber es gibt Gründe dafür, dass die nicht kommen kann. Aiai soll einen Teil der Belohnung für ihr Risiko bekommen.

Die Polizei, die nicht weniger skrupellos agiert als die Gangster, kreist das „gesetzlose“ Viertel ein, aber immer wieder vereiteln die gegnerische Gang, ein mysteriöser Verrat oder irgendein anderes Chaos die geplante Übergabe von Zenong an die Polizei. Die Story bietet Diao die Gelegenheit, verschiedene Aspekte des Urlaubs- und Verbrechensparadieses am SEE DER WILDEN GÄNSE zu erkunden. Da ist eine Disco, in denen Frauen und Männer mit Leuchtsohlen Reihentänze zu „Rasputin“ von Boney M. und „Dschingis Khan“ von Dschingis Khan aufführen. Es gibt Lagerhallen, in denen Verbrecher gerade Geschäftsinhabern „Lizenzen“ per Lotterie zuteilen, aber immer noch Zeit für eine Vergewaltigung haben. Es gibt schäbige, verschwitzte Hotels, Prostitution am Strand und Hinterzimmer von Suppenküchen, in denen lieblose Nudelsuppen verschlungen werden. Es ist so heiß, auch in der Nacht, dass alle Figuren sich so langsam wie möglich bewegen, aber wer zu wach und zu offensichtlich an Ecken und in Türrahmen herumsteht, ist sofort verdächtig. Nur auf dem nächtlichen See ist Ruhe - und Zeit für lakonischen Sex.

DER SEE DER WILDEN GÄNSE ist wild, hässlich und brutal, aber zugleich wunderschön und melancholisch. Diao Yinan ist, nach seinem eiskalten FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAG mit dem heißen Meisterwerk DER SEE DER WILDGÄNSE in der allerersten Reihe internationaler Filmemacher angekommen.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Nan fang che de ju hui
China 2019, 113 min
Sprache: Chinesisch
Genre: Drama
Regie: Diao Yinan
Drehbuch: Diao Yinan
Kamera: Dong Jingsong
Schnitt: Kong Jinlei
Verleih: eksystent distribution
Darsteller: Liao Fan, Huang Jue, Kwai Lun-Mei, Regina Wan
Kinostart: 27.08.2020

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