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Mommy

Unter Hochdruck im Hochformat

MOMMY erzählt von einer etwas fahrigen alleinerziehenden Mutter und ihrem verhaltensgestörten Sohn und erinnert an die späten Filme von John Cassavetes wie A WOMAN UNDER THE INFLUENCE oder MINNIE AND MOSKOWITZ in denen es ebenfalls um die Würde von Menschen am Rande der Gesellschaft ging, die von verschiedenen Arten der Nervenzusammenbrüche bedroht waren.

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Xavier Dolan ist das Wunderkind des internationalen Kinos. Mit gerade mal 25 Jahren hat der kanadische Regisseur schon seinen fünften Film gedreht. Mit dem ersten – I KILLED MY MOTHER – wurde er zu den Filmfestspielen nach Cannes eingeladen, mit MOMMY gewann er dort den großen Preis der Jury, gemeinsam mit Jean-Luc Godards ADIEU AU LANGAGE.
Dolans neuer Film ist größtenteils im Hochformat kadriert, nicht, wie üblich, im Querformat. Das Bild ist etwas breiter als die hochformatigen Bilder, die ein Smartphone macht, aber nicht ganz quadratisch. Dolan hat gesagt, das Bild wäre so stark begrenzt, weil die Welt seiner Figuren so beengt ist, und tatsächlich stellt sich in MOMMY mit der Zeit auch ein Gefühl von Beklemmung ein. Vor allem aber erinnern die hochformatigen Bilder an klassische Portraits der Malerei und Fotografie. Sie geben den Figuren – einer etwas fahrigen alleinerziehenden Mutter aus dem nicht ganz akademischen Prekariat, ihrem verhaltensgestörten Sohn, bei dem ADHS und eine gewalttätige Impulsstörung diagnostiziert wurden, und einer traumatisierten, stotternden Lehrerin, die der Familie helfen will – eine beinahe festliche Würde.
Diane, genannt Die, ist Witwe eines Ingenieurs, der sie mittellos zurückließ. Ihren Job hat sie gerade verloren, ihr Auto ist zusammengebrochen und nun wird schwer erziehbarer Sohn Steve aus dem Erziehungsheim geworfen, weil er ein Feuer gelegt hat, bei dem ein anderer Junge im Gesicht entstellt wurde. Diane zieht sich an wie ein Teenager der neunziger Jahre, säuft und flucht wie des Teufels Großmutter, und zahlt ihre Rechnungen sporadisch. Sie bemüht sich um Übersetzungsjobs vom Französischen ins Englische, obwohl ihr Englisch schwächelt. Steve hat eine noch größere Klappe, macht permanent obszöne Dinge mit seinem Gesicht, hält sich für den „Mann im Haus“ und dreht gelegentlich so durch, dass er seine Mutter beinahe erwürgt. Zwischendurch verstehen sie sich auch mal prächtig, dann wird gemeinsam getobt und herumgeprustet. Manchmal sieht das ein bisschen aus als hätte Andreas Dresen seine Schlaftabletten abgesetzt und seinen Schauspielern etwas Hübsches in den Tee getan. Aber Dolan hat mit André Turpin einen besseren Kameramann und bessere Bildideen. In MOMMY gibt es eine Szene, in der Diane bei einer reichen Verlegerin, einer Freundin ihres verstorbenen Mannes, um einen Job betteln will. Die Bilder aus ihrem Haus wirken wie die „Royal Portraits“ des Glamour-Fotografen Cecil Beaton: die Verlegerin thront am Ende einer langen Zimmerflucht in einem Fauteuil, überall funkelt es in goldenem Neureich-Barock. Hier kommt das Bildformat, in dem Mommy gedreht ist, an seinen Ursprung zurück. Das Tafelbild heiligt erst religiöse, dann weltliche Macht. Aber wenn Dolan seine Figuren in ihrem beengten Bungalow im gleichen Format rauchend am Fenster, lachend am Küchentisch oder die Fäuste ballend im Streit zeigt, wirken die Bilder beinahe revolutionär ermächtigend: Diese Leute leben beengt und kämpfen um ihre Würde, aber eines Tages reißen sie euch die Köpfe ab.
Nur manchmal öffnet sich das Format auf die volle Breite der Leinwand. Das geschieht immer dann, wenn euphorische Hoffnung in die Geschichte einzieht. Einmal zeigt die Kamera Steve auf einem Longboard zu „Wonderwall“ von Oasis die Straße hinunter fahrend. Er reißt die Arme auseinander und zieht quasi das Bild auseinander. Wie der Kasperle im Kasperletheater. Da ist gerade die stotternde Lehrerin im Leben von Mutter und Sohn erschienen, die beider Leben ein wenig stabilisiert und ein wenig Hoffnung in den trotz aller Hysterie und Schrillheit eigentlich trostlosen Alltag bringt. Das Bild wird sich bald wieder zusammenziehen.
MOMMY ist eine durchaus anstrengende Kinoerfahrung und erinnert an die späten Filme von John Cassavetes wie A WOMAN UNDER THE INFLUENCE oder MINNIE AND MOSKOWITZ in denen es ebenfalls um die Würde von Menschen am Rande der Gesellschaft ging, die von verschiedenen Arten der Nervenzusammenbrüche bedroht waren. Der Film läuft permanent unter Hochdruck, die dauernde Anspannung der Schauspieler strahlt körperlich von der Leinwand herunter. MOMMY ist kein perfekter Film, aber eine so mitreißende Energieleistung, dass man beinahe körperlich erschöpft aus dem Kino taumelt.

Tom Dorow

Details

Kanada 2014, 134 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan
Kamera: André Turpin
Schnitt: Xavier Dolan
Musik: Eduardo Noya
Verleih: Weltkino Filmverleih
Darsteller: Anne Dorval, Suzanne Clément, Antoine-Olivier Pilon
FSK: 12
Kinostart: 13.11.2014

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