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Molière auf dem Fahrrad

Ein wunderbares Trio von Grantlern

Der berühmte Schauspieler Serge Tanneur (Fabrice Luchini) hat sich aus dem Business auf die Île de Ré zurück gezogen. Sein alter Freund und Kollege Valence Gauthier (Lambert Wilson), versucht ihn zu überreden, in Moliéres "Der Menschenfeind" aufzutreten. Hoch-amüsantes Duell zweier Theaterliebhaber, Egomanen und Misanthropen.

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Damals, als man noch mehrere Jahre an der Uni verbrachte und Zeit hatte, mal dies und mal jenes zu studieren, hatte ich auch einen Kurs „Drehbuch“ bei einem cholerischen Nordiren namens Owen Harris belegt. Harris ganze Liebe gehörte dem amerikanischen Action-Kino und wann immer er unsere Szenenentwürfe und Treatments besonders langweilig, dialoglastig und verkünstelt fand, schrieb er nur zwei Worte unter den Text: French Movie. Owen Harris also hätte MOLIÈRE AUF DEM FAHHRAD wahrscheinlich gehasst. Aber Owen Harris hat auch nie verstanden, was wirklich toll ist am französischen Kino. Wer mal wieder das Bedürfnis hat, gutaussehenden, klugen, geistreichen erwachsenen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich intelligente Wortgefechte über nichts und dabei zugleich über die wirklich wesentlichen Dinge im Leben liefern, der ist in MOLIÈRE bestens aufgehoben.
Serge Tanneur (Fabrice Luchini) ein ehemals berühmter Bühnen-Schauspieler und hat sich nach einer Depression, enttäuscht von der Welt im Allgemeinen und dem Theaterzirkus im Besonderen, in ein altes Haus auf der Île de Ré zurück gezogen. Hier lebt er nun in einer Mischung aus Vorruhestand und Einsiedelei, liest, malt, und unternimmt Radtouren entlang der Kanäle. Hier sucht ihn eines Tages sein alter Freund und Kollege Gauthier Valence (Lambert Wilson) auf. Gauthier, der inzwischen als Fernseharzt Dr. Morange Erfolge feiert, möchte Molières „Der Menschenfeind“ inszenieren, mit Serge in einer der Hauptrollen. Serge lehnt erstmal kategorisch ab. Dann lässt er sich immerhin darauf ein, das Stück mit Gauthier durchzugehen, und die Sache noch einmal zu überdenken. Gauthier sagt seine Verpflichtungen in Paris ab und die Beiden beginnen zu proben. Jeden Tag beißen sie sich von neuem die Zähne an der ersten Szene des Stückes und aneinander aus. Wenn sie nicht gerade proben oder sich streiten, fahren sie Rad, gehen Essen, und lernen die attraktive aber wenig entgegenkommende italienische Nachbarin Francesca (Maya Sansa) kennen.
MOLIÈRE AUF DEM FAHRRAD ist ein Fest für die beiden Hauptdarsteller Fabrice Luchini und Lambert Wilson, die den geistreichen Schlagabtausch zweier Egomanen mit großer Begeisterung spielen. Luchini zieht als kauziger Serge mit Dreitagebart vom cholerischen Anfall bis hin zum entnervten Augenbrauen-Hochziehen alle Register der Empörung. Lambert wechselt mühelos zwischen den Schichten der Schauspielerei, die seine Rolle verlangt, vom Fernseharzt Morange zum Theaterschauspieler, der in den Proben mal besser mal schlechter spielt, zum Fernsehstar Gauthier Valance mit Fönfrisur und weißem Mantel. Dabei können sich die beiden Ausnahmeschauspieler auf ein Drehbuch verlassen, das die geschliffenen Dialoge Molières virtuos mit heutigen Befindlichkeiten verbindet und dem es, bei aller Leichtigkeit, ernst ist um seine Figuren und Themen.
Die Liebe zum Theater durchzieht den ganzen Film. Statt sich stichpunktartig durch das Stück zu hangeln und die besten Brocken heraus zu picken, lässt Regisseur und Autor Le Guay seine beiden Hauptdarsteller immer wieder die erste Szene von „Der Menschenfeind“ proben und den Zuschauer so an der Entstehung des Stückes teilhaben. Je nach Tagesform und je nachdem, wer gerade Alceste und wer Philinte spielt, verändert und entwickelt sich die Szene, wird dunkler oder lustiger und macht bei jeder Wiederholung mehr Sinn. Gemeinsam mit den Schauspielern dringen die Zuschauer immer tiefer in den Text ein. MOLIÈRE AUF DEM FAHRRAD ist darüber hinaus ein erfrischendes Lob der Misanthropie. Der größte Menschenhasser des Films ist natürlich der Einsiedler Serge, der für die falschen Freunde des Film- und Theaterbusiness nur Verachtung empfindet - ähnlich wie Molières Alceste der verlogenen Etikette des Hofes gegenüber. Aber auch Francesca ist eine Freundin klarer Worte und harscher Kritik und sogar der immer verbindlich und geschmeidig scheinende Gauthier trägt jede Menge Groll mit sich herum und würde sich zumindest wünschen, ihm auch einmal nachgeben zu können. Zusammen sind sie ein wunderbares Trio von Grantlern.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Alceste à bicyclette
Frankreich 2013, 104 min
Genre: Komödie
Regie: Philippe Le Guay
Drehbuch: Philippe Le Guay
Kamera: Jean-Claude Larrieu
Schnitt: Monica Coleman
Verleih: Alamode Filmverleih
Darsteller: Lambert Wilson, Fabrice Luchini, Maya Sansa, Camille Japy
FSK: oA
Kinostart: 03.04.2014

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