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Mittagsstunde

Zurück im Dorf

Die Verfilmung von Dörte Hansens Roman MITTAGSSTUNDE ist erfrischend lakonisch. Ingwer Feddersen (Charly Hübner) kehrt aus der akademischen Kieler Bohème ins fiktive holsteinische Dorf Brinkebüll zurück, um sich um seine Eltern zu kümmern, vor allem um seine demente Mutter.

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Angesichts der zahlreichen Filme und Fernsehserien, in denen mitteljunge Großstadtbewohner*innen unfreiwillig in ihre Heimat aufs Land zurückkehren und dort Restaurants eröffnen, alte Lieben treffen und im stillen Glück endlich zu „sich selbst finden“, ist die Verfilmung von Dörte Hansens Roman MITTAGSSTUNDE erfrischend lakonisch. Ingwer Feddersen (Charly Hübner) kehrt aus der akademischen Kieler Bohème, wo er in einer Dreierbeziehung mit einem Mann und einer Frau zusammenlebt, ins fiktive holsteinische Dorf Brinkebüll zurück, um sich um seine Eltern zu kümmern, vor allem um seine demente Mutter. Ingwer findet weder die große Liebe, noch wird alles gut. Stattdessen zeichnet der Film ein Porträt des norddeutschen Dorflebens seit den sechziger Jahren und erzählt eine komplizierte Familiengeschichte, denn Ingwer ist nicht der Sohn des Paares, die er „Mudder“ und „Vadder“ nennt, sondern von deren Tochter Marret, einer verträumten Außenseiterin im Dorfleben. Es gibt Enthüllungen, aber die werden angenehm norddeutsch mit einem „Ach, guck! Das is ja ´n Kuddelmuddel mit uns!“ quittiert. Den Kern des Films macht Ingwers kompliziertes Verhältnis zu seiner Heimat aus, die Veränderungen und Kontinuitäten. Man spricht platt, oder jedenfalls ein Missingsch, eine Mischsprache aus Platt und Hochdeutsch, wie sie auch in der Wirklichkeit in norddeutschen Familien gesprochen wird, wenn auch eher im Umland von Städten. Auf den Inseln und auf dem entlegeneren flachen Land klingt das nochmal anders. Das Ensemble bekommt das unterschiedlich gut hin: Charly Hübner ist perfekt, Vadder und Mudder auch, der Rest kriegt die prononcierte, emphatische Sprachmelodie des Platt nicht hin oder versucht gleich nur einen leichten Hamburger Einschlag im Hochdeutschen.

Charly Hübner ist als Ingwer Feddersen nicht nur im Platt perfekt. Er redet nicht viel, macht nicht viel, und dennoch dreht sich der ganze Film um ihn. Ingwers erster Blick auf die Line-Dance-Gruppe („Leinen-Tanz“, secht Vadder), die ein alter Schulfreund leitet: er verzieht keine Miene, aber es ist, als sackte das Selbstbewusstsein des Uni-Dozenten in sich zusammen. Einfache Bewegungen sind halt das, was man hier so macht, mit Hut. Sein Blick, als seine Freunde aus Kiel kommen und die alte Kneipe der Eltern „abgefahren“ finden: auch keine Miene, aber andere dürfen das halt nicht abgefahren oder sonst irgendwie finden, oder ironisch platt schnacken oder überhaupt so Tünkram reden. Irgendwas zieht sich in seinem Körper zusammen, aber Stolz ist das nicht, eher eine alte Kränkung. Hübners Blicke auf Straßen, Wiesen, Räume führen in die Vergangenheit zurück, deren Inszenierung allerdings um einiges greller, eindimensionaler wirkt als die Szenen in der Film-Gegenwart. Vor allem die Figur der Marret, die Steine und Blumen sammelt und von der nicht-behinderten Gro Swantje Kohlhof als leicht geistig behindert gespielt wird, wirkt in der Darstellung wie in der Figurenanlage unangenehm ausgedacht und nicht mehr zeitgemäß. So pendelt der Film zwischen subtilen, lakonischen und präzisen Gegenwartsszenen und gröber konstruierten und gelegentlich belanglosen Szenen aus der Vergangenheit hin und her.

Notwendig ist die Vergangenheit für den Film dennoch, denn Heimat ist seit dem Zenit des Begriffs in der Spätromantik nur als verlorene denkbar (siehe Eichendorff: „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot/Da kommen die Wolken her,/Aber Vater und Mutter sind lange tot,/Es kennt mich dort keiner mehr.“ – In der Fremde, 1823). Der Verlust beginnt im Film mit der „Flurbereinigung“ nach 1953: Die Besitzverhältnisse auf dem Land wurden neu geordnet, Land neu vermessen, Felder getauscht, Großbetriebe geschaffen. Aus Dorfstraßen wurden Bundesstraßen. Ein Bild zeigt das Vorher/Nachher: Die Knicks verschwinden, Monokulturen ersetzen die Wechselwirtschaft. Der Dorflehrer kann gerade noch verhindern, dass ein megalithisches Hügelgrab planiert wird, aber bald wird das erste Kind überfahren, wo vor den Infrastrukturmaßnahmen die kopfsteingepflasterte Dorfstraße war. Der Dorfladen verschwindet, auf einer grünen Wiese entsteht ein Supermarkt, dessen Parkplatz den Treffpunkt im Dorf ersetzt. Der Film mag teilweise auch ein Kuddelmuddel sein, aber so vieles trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn Marret sagt, in ihrem „Buch“ stünde, dass die Welt untergeht, und mit einer Ausgabe des „Wachturms“ wedelt, der Zeitschrift der Zeugen Jehovas, musste ich an meine durchaus nicht behinderte Großmutter denken, die ihre Frauenzeitschrift auch immer „mein Buch“ nannte, und war plötzlich doch sehr gerührt.

Tom Dorow

Details

Deutschland 2022, 93 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama
Regie: Lars Jessen
Drehbuch: Catharina Junk, Dörte Hansen
Kamera: Kristian Leschner
Verleih: Majestic Filmverleih
Darsteller: Charly Hübner, Peter Franke, Hildegard Schmahl, Rainer Bock, Gabriela Maria Schmeide
Kinostart: 22.09.2022

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Mittagsstunde

Deutschland 2022 | Drama | R: Lars Jessen | Interview

Die Verfilmung von Dörte Hansens Roman MITTAGSSTUNDE ist erfrischend lakonisch. Ingwer Feddersen (Charly Hübner) kehrt aus der akademischen Kieler Bohème ins fiktive holsteinische Dorf Brinkebüll zurück, um sich um seine Eltern zu kümmern, vor allem um seine demente Mutter.

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