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Miss Hokusai

Handwerk und Zauberei

Katsushika Hokusai (1760 – 1849) ist vermutlich der weltweit bekannteste japanische Künstler. Dass er eine Tochter hatte, mit der er auch zusammenarbeitete, ist weniger bekannt. Das mehrfach ausgezeichnete Animé MISS HOKUSAI von Keiichi Hara zeichnet eine poetische Momentaufnahme davon, wie das Leben einer eigensinnigen Künstlerin mit einem exzentrischen Künstlervater im Japan des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben könnte.

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Katsushika Hokusai (1760 – 1849) ist vermutlich der weltweit bekannteste japanische Künstler. Selbst wer mit dem Namen nichts anfangen kann, ist seinem Bild „Die große Welle von Kanagawa“ (1830) aus der Holzschnittserie „36 Ansichten des Berges Fuji“ schon einmal begegnet. Eine gigantische Welle rollt von links ins Bild und ist gerade dabei, über drei Fischerbooten zusammenzubrechen, die im aufgewühlten Meer kaum zu erkennen sind. Wie tausend kleine Hände strecken sich die Schaumkronen nach den Booten aus. In einer Lücke zwischen den Wellen, vor einem Unwetterdunklen Himmel sieht man in der Ferne den schneebedeckten Fuji stehen, in den Farben der Wellen, aber unbewegt und unbeeindruckt. Hokusai war schon zu Lebzeiten ein Star. Er begann als Holzschneider von Schauspielerportraits und machte sich später mit Landschaften und Genredarstellungen unabhängig. Zu seinem Portfolio gehörten auch erotische Bilder und in Buchform veröffentlichte Skizzenhefte, die er „Mangas“ nannte. Auf dem Totenbett soll der fast 90-jährige Hokusai gesagt haben: „Hätte der Himmel mir weitere fünf Jahre geschenkt, wäre ich ein großer Maler geworden.“

Hokusai war zweimal verheiratet und hatte mehrere Kinder, darunter auch eine Tochter, O-Ei genannt, die ebenfalls als Malerin arbeitete. Erstaunlicherweise ist trotz der Berühmtheit des Vaters fast nichts über O-Ei bekannt, lediglich dass sie ungefähr von 1800 bis 1860 lebte, gemeinsam mit ihrem Ehemann die Holzschnittkunst erlernte und sich als eigenständige Künstlerin etablierte, bevor sie sich scheiden ließ, um ihren Vater, der im Alter an Lähmungserscheinungen litt, zu unterstützen. Nach seinem Tod verliert sich ihre Spur.
Nur für rund ein Dutzend Arbeiten und zwei Buchveröffentlichungen ist O-Eis Urheberschaft belegt. Darunter sind auch die beiden atmosphärischen Nachtstücke „Nachtszene im Yoshiwara“ und „Kirschblüten in der Nacht“. Anders als in der zeitgenössischen, mit Farbflächen arbeitenden Malerei und auch in den Arbeiten des Vaters, spielt O-Ei in beiden Bildern virtuos mit den Effekten von Licht und Schatten. Laternen werfen einen diffus auslaufenden Lichtkegel, ganze Abschnitte der Bilder bleiben im Dunklen, sichtbar ist nur, worauf eine naturalistische Lichtquelle fällt. Für eine Zusammenarbeit von Vater und Tochter gibt es noch weniger belegte Beispiele. Inwieweit O-Ei also einen Anteil an den weltberühmten Bildern des Vaters hat, ist nicht bekannt. Faszinierend ist der Gedanke allerdings schon, vor allem, wenn man in Betracht zieht, dass Hokusai viele seiner berühmtesten Arbeiten gegen Lebensende schuf, als O-Ei bei ihm wohnte.

Das mehrfach ausgezeichnete Anime MISS HOKUSAI von Keiichi Hara beginnt mit einer solchen Kollaboration. Edo (Tokyo) 1814: Hokusai arbeitet an einem großformatigen Drachen, O-Ei ist dabei, sich eine Pfeife anzuzünden. Ein glimmendes Stück Tabak fällt auf das fast fertige Bild. In Großaufnahme sieht man, wie sich die Glut durch das Papier frisst – eine Katastrophe. Das Werk ist ruiniert und die Deadline ist am morgigen Tag. Während Hokusai mit zwei Malerkollegen um die Häuser zieht, bleibt O-Ei im Atelier, das sie mit ihrem Vater bewohnt, und wartet auf Inspiration. Und tatsächlich, spät in der Nacht, erhebt draußen vor dem Fenster in den Wolken das Sagentier sein Haupt und wird von O-Ei in einem Strich aufs Papier gebannt.

Zumeist arbeitet O-Ei aber an ihren eigenen Werken. Nach dem historischen Manga „Sarusaberi“ von Hinako Sugiura zeichnet Keiichi Hara sie in MISS HOKUSAI als kantig und selbstbewusst und erfrischend unhausfraulich. Im Off-Kommentar sagt sie „Wir putzen nicht und wir kochen nicht. Wenn das Atelier vermüllt ist, ziehen wir weiter.“ Ihr ganzer Ehrgeiz gilt ihrer Kunst. Wenn irgendwo in Edo ein Haus brennt, läuft O-Ei hin und starrt auf die Flammen, den faszinierenden Lichtschein in der Dunkelheit, der auch auf ihren Bildern auftaucht. Über den schlampigen Stil von Hokusais versoffenem Schüler Zenjiro macht sie sich lustig und als der Verleger seine erotischen Blätter lobt, weil sie zwar in den Proportionen falsch aber dafür sinnlicher seien als ihre, spaziert sie wütend und entschlossen, wenn auch verschüchtert, in ein Bordell, um Praxiserfahrung zu sammeln. Wenn sie nicht malt, dann ist sie oft mit ihrer kleinen, blind geborenen Schwester O-Nao zusammen. Oft besuchen die beiden dann die große, wuselige Brücke über den Sumida, deren Geräuschkulisse O-Nao so liebt.

MISS HOKUSAI verläuft nicht linear, sondern kumulativ, assoziativ, poetisch. Alltagsszenen und Episoden voller Magie wechseln sich ab. Kunst ist Handwerk, sinnliche Erfahrung und Zauberei. O-Ei ist zielstrebige Künstlerin, schüchterne junge Frau, liebende große Schwester. Wie Kurzgeschichten reihen sich die Szenen aus O-Eis Alltag aneinander und ergeben zusammen weniger eine Lebensgeschichte als eine poetische Momentaufnahme davon, wie das Leben einer eigensinnigen Künstlerin mit einem exzentrischen Künstlervater im Japan des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben könnte.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Sarusuberi: Miss Hokusai
Japan 2015, 90 min
Genre: Animation
Regie: Keiichi Hara
Drehbuch: Miho Maruo
Kamera: Koji Tanaka
Schnitt: Shigeru Nishiyama
Musik: Harumi Fuuki
Verleih: AV Visionen
Darsteller: Yutaka Matsushige, Anne Watanabe, Kumiko Aso
FSK: 6
Kinostart: 16.06.2016

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