
Neue Notiz
Miroirs No. 3
Spiegelungen
Christian Petzolds Film umkreist ein Rätsel, das kaum eines ist. MIROIRS ist eine Geschichte über Bettys und Lauras Gespenster, die aber nicht direkt in Erscheinung treten, sondern nur in Spiegelungen.
Christian Petzolds neuer Film ist nach einem Musikstück benannt, „Miroirs No. 3“ von Maurice Ravel. Das Stück spielt Paula Beers Figur Laura im Film, aber das eigentliche musikalische Hauptmotiv in diesem Film ist ein anderes, nämlich der Northern-Soul-Tanzflächenkracher „The Night“ von Frankie Valli and the Four Seasons (1972). Gleich dreimal wird das Stück gespielt, nur eine der Dreifach-Spiegelungen in diesem Film. Frankie Vallis „The Night“ ist selbst ein Stück mit Abgründen. Es beginnt mit einer brutalen Basslinie, die nach dem ersten Durchlauf mit einer weinenden Hammond-Orgel und einem Tamburin-Backbeat unterlegt wird, bevor mit einem wuchtigen Snare-Hit der unwiderstehliche Groove einsetzt, und Frankie leise raunt:
„Beware … of his promise, believe what I say“, dann setzen die Four Seasons zu den Harmonien an, und Frankie droht eine Oktave höher: „Before I go forever, be sure of what you say“.
An der Oberfläche ist „The Night“ ein simpler Song. Ein Mann redet auf seine*n Geliebte*n ein, die oder der einen neuen Liebhaber gefunden hat. Sein wichtiges Argument ist, dass sich die Versprechungen der neuen Liebe allzu schnell in Luft auflösen könnten. Unterhalb dieser simplen Konstruktion brodeln die Metaphern und eine Hysterie am Rand des Wahnsinns.
„And he always keeps you dreamin'
If he always keeps you dreamin'
You won't have a lonely hour”
Was soll das heißen, und warum wird die Zeile über den Traum wiederholt? Wenn der Liebhaber einen Traum, einen Wunsch perpetuiert, heißt das ja gerade, dass der Wunsch nie in Erfüllung gehen wird. Permanentes Begehren statt Wunscherfüllung. Gilles Deleuze hätte das gefallen, Masochist*innen und Surfern vielleicht auch, aber es ist eine zerbrechliche, gefährliche Begehrensstruktur.
Petzolds Film beginnt mit einem möglichen Suizidversuch. Laura (Paula Beer) steht auf einer Autobahnbrücke. Sie trägt einen depressiven fliederfarbenen Baumwollpullover, der ausgefranst ist, Löcher hat und Laufmaschen. Sie sieht verwüstet aus und blickt auf die Spree unter der Brücke. Im nächsten Bild steht sie unter der Brücke und blickt erneut traurig auf den Fluss. Wie ist sie dahin gekommen? Was ist zwischen den Bildern passiert? War die Brücke nicht hoch genug? Ist Laura bereits ihr eigener Geist, die sich selbst als Abgestürzte sieht? Ein SUP-Paddler reißt sie aus dieser Reverie.
Laura kommt nach Hause. Die Vorhänge wehen ins Zimmer, als wäre jemand aus dem Fenster gesprungen. Ihr Freund kommt aus der Küche, er ist sauer, weil sie zu spät ist. Laura fährt mit ihrem blöden Freund, dessen blödem Produzenten, einem Angeber, und dessen blöder Freundin („Was hat sie denn?“) im Cabrio ins Umland. Laura ist schlecht drauf und will nach Hause. Ihr Freund soll sie zum Bahnhof fahren. Sie verunglücken, und der blöde Freund ist tot. Nach der Brücke und dem Fluss die dritte Bifurkation, Verzweigung, bei der Laura gestorben sein könnte, es aber weitergeht.
Nach dem dreifachen Fast-Tod findet eine Frau, die Laura schon zweimal im schwarzen Kleid an der Straße stehen gesehen hat wie einen Todesengel, die Verunfallte am Straßenrand. Die Frau, Betty (Barbara Auer) wird scheinbar zur Retterin. Laura lebt und ist fast unverletzt. Sie will lieber bei Betty bleiben als nach Hause. Betty wirkt überglücklich, und für einige Tage entspinnt sich eine utopische Brandenburg-Idylle mit Bier und Königsberger Klopsen, eine dieser seltsamen Zwischenzeiten, die es immer wieder in Petzolds Filmen gibt. Von Anfang an schleichen sich Misstöne, nicht nur in die Atmosphäre zwischen den Figuren, sondern auch in den, wie immer bei Petzold, so sorgfältig komponierten Film. Laura ist Betty durchaus zugewandt, später auch deren Ehemann Richard (Matthias Brandt) und ihrem Sohn Max (Enno Trebs). Alle haben sich lieb, aber Laura wundert sich seltsamerweise nicht, dass es im Haus Kleidung für eine junge Frau gibt, oder wer früher in ihrem Zimmer gewohnt hat. Es gibt ein (ziemlich offenes) Geheimnis, aber offenbar will Laura es gar nicht wissen, auch nicht, warum Richard und Max nicht im Haus leben, oder warum sie so besorgt um Betty sind.
Petzolds Film umkreist ein Rätsel, das kaum eines ist. Als psychologisches Drama funktioniert MIROIRS NO. 3 nur zum Teil, weil es das nur zum Teil ist. MIROIRS ist eine Geschichte über Bettys und Lauras Gespenster, die aber nicht direkt in Erscheinung treten, sondern nur in Spiegelungen. Christian Petzolds Filme sind oft wie Rubiks Würfel aus verschiedenen Elementen konstruiert, die sich wie in Versuchsanordnungen gegeneinander verschieben, weshalb seine Figuren manchmal nicht ganz lebendig wirken. In MIROIRS scheint es aber immerhin Hoffnung zu geben, dass sie lebendiger werden könnten.
Deutschland 2025, 86 min
Genre: Drama
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
Schnitt: Bettina Böhler
Verleih: Piffl Medien
Darsteller: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs
FSK: 12
Kinostart: 18.09.2025
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