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Mein Herz tanzt

Bittere Utopie

Nach einem autobiographischen Roman des arabisch-israelischen Journalisten Sayed Kashua erzählt MEIN HERZ TANZT von dem jungen arabischen Jungen Eyad, der an einer renommierten jüdischen Schule in Jerusalem angenommen wird und sich in ein jüdisches Mädchen aus streng konservativer Familie verliebt.

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Manchmal zeigen sich Probleme mit der Vermarktung von Filmen auch daran, wie mit ihren Titeln umgegangen wird. Der israelische Regisseur Eran Riklis (DIE SYRISCHE BRAUT, LEMON TREE) hat sich mit seinen Filmen schon öfter zwischen die Stühle gesetzt, aber selten so radikal wie in MEIN HERZ TANZT. Der Film, nach einem autobiographischen Roman des arabisch-israelischen Autors und Kolumnisten der israelischen Tageszeitung Haaretz, Sayed Kashua, hatte im Lauf der Zeit offenbar die internationalen Titel MY SON, THE SECOND SON, DANCING ARABS und DANCING ARABS: A BORROWED IDENTITY. Riklis Film hat alle Ingredienzien einer romantischen Multikulti- und Klassenunterschiedskomödie, die der deutsche Titel MEIN HERZ TANZT erwarten lässt. Aber ein tanzendes Herz ist womöglich nicht nur erregt, sondern kann kurz vor dem Infarkt stehen. Riklis‘ Film sieht auf den ersten Blick aus wie ein freundlicher Film, der davon erzählt wie persönliche Beziehungen politische Gräben zwischen Arabern und Juden in Israel überwinden – eine Geschichte, die auch in Deutschland gern gehört wird. Aber MEIN HERZ TANZT ist viel provozierender, als der alte Traum davon, dass der Glaube an ein bisschen Frieden und Freundlichkeit den Konflikt zwischen Juden und Arabern in Israel/Palästina lösen könnte.
MEIN HERZ TANZT ist die Geschichte des jungen Arabers Eyad, der, in einer Phase relativer Entspannung zwischen Palästinensern und Israelis, als einziger Nicht-Jude an einem renommierten jüdischen Internat in Jerusalem aufgenommen wird. Eyads arabisch-israelische Familie wird zunächst als sympathische Loser dargestellt, ähnlich den Sayeds in EAST IS EAST. Es gibt eine Liebesgeschichte zwischen Eyad und einer jungen jüdischen Israelin aus reichem, konservativem Haus, die zunächst an zahllose romantische interkulturelle Komödien von ROMEO UND JULIA über GREEN CARD bis SAMBA erinnert. Es gibt eine Freundschaft zwischen Eyad und einem jungen jüdischen Behinderten, die zunächst aussieht wie die Blaupause von ZIEMLICH BESTE FREUNDE. Nur ist hier alles viel bitterer und Eran Riklis lässt die beliebten und erfolgreichen Genrekonventionen der Reihe nach zerplatzen. Der Vater des arabischen Studenten Eyad war Guerilla der PLO, deshalb bekommt er in Israel keinen ordentlichen Job mehr und muss als Erntehelfer arbeiten. Die Liebe zwischen Eyad und der Jüdin Naomi ist nicht nur geprägt von permanenten Erfahrungen des Alltagsrassismus in Israel, sondern auch selbst vom israelisch-palästinensischen Konflikt und den damit einhergehenden Klassenunterschieden infiziert, was sich spätestens zeigt, als Naomi eine Karriere bei einer Eliteeinheit der Armee anstrebt. Die Freundschaft zwischen Eyad und dem an multipler Sklerose erkrankten Punk Jonathan ist ausnahmsweise plausibel. Statt dass wie in ZIEMLICH BESTE FREUNDE das Bürgertum von der Vitalität des Proletariats neue Lebensfreude erkauft, profitiert hier von Anfang an auch Eyad von Jonathans Coolness, seiner Popkenntnis, und seiner lässigen Schlagfertigkeit, während Jonathan von der Bewunderung, die Eyad ihm entgegenbringt, geschmeichelt ist.
In MEIN HERZ TANZT gibt es rührende, menschliche Momente, aber Riklis und Kashua scheinen nicht mehr daran zu glauben, dass Großzügigkeit und menschliche Begegnungen den Konflikt entschärfen, geschweige denn beenden können. In einem Restaurant besteht die ganze Belegschaft in der Küche aus Arabern, die bei der Einstellung allesamt behauptet haben, Juden zu sein. Nur wenn der Chef hereinschaut, wird schnell Hebräisch geredet. Eyad verhält sich lange extrem zurückhaltend, aber in einer Literaturstunde platzt aus ihm die Wut über die klischeehafte Darstellung der Araber in der jüdisch-israelischen Literatur heraus: als schmutzig, gewalttätig, sexuell aggressiv, abstoßend werden Araber immer wieder gezeigt, und der Rassismus wird nicht einmal thematisiert, weil die klischeehafte Darstellung darauf zielt, die Menschlichkeit der Araber aus dem Bewusstsein zu streichen. Die Grundlagen des Konflikts sitzen zu tief, hier geht es nicht um „Vorurteile“, hier geht es darum, dass der Ausschluss der Araber aus der israelischen Gesellschaft zur Voraussetzung des jüdisch-israelischen Selbstverständnisses wird. Um den Film zu einem bitteren Happy End zu führen muss dann auch erst ein Jude sterben, damit ein Araber eine Chance in der jüdischen Gesellschaft bekommt – indem er Jude wird.
Der Autor Sayed Kashua ist im Juli 2014 aus Israel in die USA emigriert, noch vor dem Angriff auf Gaza, aber zu einem Zeitpunkt, als israelische Studenten in der West Bank und arabische Jugendliche in Jerusalem gekidnapped und ermordet wurden. In der Haaretz und im Guardian erklärte er seine Entscheidung. „Ich fing an zu schreiben, weil ich glaubte, ich müsste nur die andere Seite beschreiben, die Geschichten erzählen, die ich von meiner Großmutter gehört hatte. (…) Ich wollte den Israelis eine Geschichte erzählen, die palästinensische Geschichte. Ganz sicher würden sie verstehen, wenn sie es läsen, alles was ich tun musste war zu schreiben, und die Besatzung würde enden. (…) Dank meiner Geschichten würden wir eines Tages gleichberechtigte Bürger werden, fast wie Israelis. Nach 25 Jahren des Schreibens auf Hebräisch hat sich nichts geändert.“ Kashua schreibt, Leser hätten gedroht, ihm die Beine zu brechen oder seine Kinder zu entführen. Kashuas Hoffnung, dass Israelis die Nakba, die Vertreibung und Besetzung anerkennen sollten, und dass die Palästinenser zur Vergebung bereit wären und man gemeinsam an den Aufbau eines Ortes gehen könnte, an dem es sich zu leben lohnt, hat sich nicht erfüllt. Er unterrichtet heute an der University of Chicago.
MEIN HERZ TANZT hat die komischen und bewegenden Momente einer viel zu realen Farce, vor allem aber erzählt der Film von den tiefliegenden Gründen der furchtbaren Tragödie, die der israelisch-palästinensische Konflikt für alle Beteiligten ist.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Dancing Arabs
Deutschland/Frankreich/Israel 2014, 104 min
Genre: Drama
Regie: Eran Riklis
Drehbuch: Sayed Kashua
Kamera: Michael Wiesweg
Schnitt: Richard Marizy
Musik: Jonathan Riklis
Verleih: NFP marketing & distribution
Darsteller: Ali Suliman, Yael Abecassis, Tawfeek Barhom, Marlene Bajali, Laëtitia Eïdo
FSK: 6
Kinostart: 21.05.2015

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