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Der Meister und Margarita

Satirisch-magische Parallelwelt

Der Teufel höchstpersönlich besucht das sowjetische Moskau. Michael Lockshin hat Michail Bulgakows Kultroman in einer Mischung aus Satire und Fantasy maximal opulent verfilmt.

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Der Teufel höchstpersönlich besucht das sowjetische Moskau, so ließe sich Michail Bulgakows Kultroman in einer Kurzfassung beschreiben. Ende der 1920er Jahre entstanden, wird dieser Klassiker der russischen Weltliteratur in unseren 2020ern nicht das erste Mal verfilmt. Der Zeitpunkt könnte aber wohl kaum brisanter sein. Die Mischung aus Satire und Fantasy sorgt für maximale Opulenz auf der Leinwand, schon jetzt gilt der Film in Russland als einer der teuersten und erfolgreichsten jemals – dabei behandelt er einen Underground-Text, der wegen seiner Kritik am totalitären Staatsapparat lange zensiert blieb.

Ist diese aufwendige Verfilmung also eine Lesehilfe für alle, die DER MEISTER UND MARGARITA schon vor längerem oder noch nie gelesen haben? Wenn der Teufel als mysteriöser Ausländer Woland (August Diehl) erstmals in Erscheinung tritt, scheint es kurz so, als würde jedes kleinste, bitterböse Wort aus dem Original wiedergegeben werden. Dann aber wird klar, dass die fiktionalisierte Entstehungsgeschichte des Romans hier im Mittelpunkt steht: Der titelgebende Meister, ein angesehener Schriftsteller, hat gerade erfahren, dass sein Stück über Pontius Pilatus für die zutiefst atheistische Sowjetunion zu viele Jesus-Referenzen hat und noch vor der Premiere abgesetzt wird. Inspiriert von seiner Muse und Geliebten Margarita beginnt er, einen Roman über das teuflische Treiben in Moskau zu schreiben – auch, wenn staatliche Zensur und Strafe vorprogrammiert sind.

In alter Hollywood-Manier hält die Liebesgeschichte zwischen Meister und Margarita (überzeugend: Evgenii Tsyganov und Yuliya Snigir, auch im wahren Leben ein Paar) hier alle Erzählstränge zusammen. Abwechselnd verwebt der Film das Innere des Romans und die äußeren, politisch immer groteskeren Umstände miteinander. Dabei lässt sich einiges über den Zustand der Sowjetunion in den 1930ern erfahren; ein Musical verkündigt etwa, sie würde zu ihrem 100-jährigen Geburtstag im Jahr 2022 alle Länder dieser Welt regieren. Gerade inmitten der aktuellen geopolitischen Lage schafft das immer wieder Momente realen Horrors, inmitten kunstvoll rollender Köpfe und lasziv eleganter Kostüme wie aus einem Klimtgemälde. Gerade diese sorgen wiederum dafür, dass man sich zeitweise eher in einer magischen Parallelwelt wähnt – und nicht in einem Orwell’schen Überwachungsstaat.

Das Motiv der Zensur gegenüber Kulturschaffenden könnte allerdings stärkeren Bezug auf Putins Russland und der Technokratie von heute nehmen. Am Ende hat der amerikanisch-russische Regisseur Michael Lockshin mit dem ukrainisch-russischen Satiriker Michail Bulgakow vielleicht gemein, dass man ihn mit seinen Kunstgriffen erstmal machen lässt. Wie Russland mit dem unerwarteten kommerziellen Filmerfolg und dem anhängenden Shitstorm langfristig umgeht, bleibt abzuwarten.

Anna Hantelmann

Details

Originaltitel: Мастер и Маргарита
Russland/Kroatien 2023, 157 min
Genre: Drama, Literaturverfilmung
Regie: Michael Lokschin
Drehbuch: Michael Lokschin, Roman Kantor
Kamera: Maxim Schukow
Schnitt: Dimitri Komm, Dmitriy Slobtsov
Musik: Anna Drubitsch
Verleih: Capelight Pictures
Darsteller: August Diehl, Jewgeni Zyganow, Julija Snigir, Claes Bang, Juri Korokolnikow
FSK: 12
Kinostart: 01.05.2025

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