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Marty Supreme

Hustler, Trickster und Glücksritter

MARTY SUPREME ist eine auf Höchstgeschwindigkeit leer drehende Erzählmaschine – oder ein Film über den demütigenden und entmenschlichenden Kampf, irgendetwas zu erreichen, wenn man in den USA ohne Geld geboren wird.

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Josh Safdie galt bis zum 26. Januar als sicherer Gewinner mindestens des einen oder anderen Oscars für seinen Film MARTY SUPREME. Dann erschien ein Artikel des Klatschmediums „Page Six Hollywood“, in dem die Autorin Tatiana Siegel schreibt, die Brüder hätten sich nicht wegen ihrer „künstlerischen Entwicklung“ getrennt, sondern wegen eines Vorfalls am Set von GOOD TIME. Für eine Sexszene sei ein 17-jähriges Mädchen engagiert worden, die mit dem Laiendarsteller Buddy Duress nackt vor der Kamera stehen sollte. Duress, angeblich während der Szene unter Drogeneinfluss, habe sich ausgezogen und die Darstellerin gefragt, ob er „ihn reinstecken könne“. Josh Safdie habe die Szene nicht abgebrochen. Benny sei ebenfalls im Raum gewesen. Die Vorliebe der Safdies, schräge Vögel, bzw. Gewaltkriminelle als Laiendarsteller zu engagieren, soll auch am Set von MARTY SURPEME zu Vorfällen geführt haben. So soll ein Darsteller Timothée Chalamet gedroht haben.

Nun ja. Die trübe Brühe kocht noch. Erst einmal kommt MARTY SUPREME jetzt ins Kino, mit neun Oscar-Nominierungen als Qualitätsversprechen auf der Brust. Die Quelle für all die Anschuldigungen ist aktuell (15.2.) noch anonym, mittlerweile hat der Skandal aber weitere Kreise gezogen.

Dass Marty Mauser, die Figur, die Timothée Chalamet in MARTY SUPREME spielt, ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse ist, steht jedenfalls fest. Beide Safdies haben nach dem Stress mit UNCUT GEMS Sportfilme gedreht, das gemütlichste und onkeligste Genre des Hollywoodkinos. Benny hat das Genre mit seinem strengen Gerüst (erster Erfolg, Auftritt gute Frau, Chance, Auftritt böse Frau, Niederlage, Pep-Talk, Anstrengung, Anstrengung, Pep-Talk, Triumph oder moralischer Triumph) recht genau reproduziert, nur wird in seinem Film THE SMASHING MACHINE am Ende der Ausstieg aus den Drogen und dem Sport als Triumph gedeutet. MARTY SUPREME beinhaltet ebenfalls alle Elemente des klassischen Sportfilms, bis hin zum ultimativen Triumph, der Stiftung einer heiligen Familie, aber Josh Safdies Film ist chaotischer.

Es gibt zwei Frauen, die gute ist das nette jüdische Mädchen von nebenan in Brooklyn 1952, Rachel, mit der Marty heimlich Sex hat, weil sie eigentlich mit seinem Geschäftspartner und Kumpel verlobt ist. (Dieser Geschäftspartner soll übrigens den von Marty entworfenen Tischtennisball „Marty Supreme“ produzieren, einen besser sichtbaren orangefarbenen Ball. Die Affäre mit Rachel führt dazu, dass daraus nichts wird, obwohl die Idee sich durchsetzen würde: In den Siebziger Jahren wurden plötzlich alle Bälle orange und gelb, im Tischtennis, aber auch im Tennis und Fußball.) Martys Sexleben sorgt in jeder Hinsicht für Katastrophen, aber die Rolle der eigentlichen Femme fatale übernimmt Gwyneth Paltrow als alternder Filmstar und Billionärsgattin Kay, die Marty für Sex anbaggert und damit zugleich eine neue mögliche Geldquelle erschließt.

Marty, Schuhverkäufer bei seinem Onkel im Laden, will an einem Tischtennis-Turnier teilnehmen und stiehlt seinem Onkel das Gehalt, das der ihm schuldet, um die Teilnahmegebühr zu bezahlen. Weil Marty nicht gewinnt, sucht er Revanche beim nächsten Turnier in Japan, wofür er noch mehr Geld besorgen muss. Dabei tritt er jeder und jedem auf die Füße. Über einen Sportskollegen, mit dem er eigentlich befreundet ist, sagt er der Presse: „Ich erledige, was Auschwitz nicht geschafft hat“, um sich dann zappelig zu winden: „Ich darf das sagen, ich bin Jude“. Seine Freundin Rachel behandelt er brutal. Seinen Kumpel betrügt er. Einen Mentor lässt er fallen. Dafür muss Marty schlimmste sadistische Erniedrigungen ertragen, um am Ende dann doch da anzukommen, wo der Sportfilm hin muss. Sadismus durchzieht den Film wie ein roter Faden. Jeder Figur wird übelst mitgespielt, meist von Marty. Die Safdies entwerfen filmische Welten voller Grausamkeit, durch die sich Hustler, Trickster, Betrüger und Glücksritter schlagen müssen.

Am seltsamsten an MARTY SURPREME ist das falsche Happy End, ein klassischer Twist, der in düsteren Noir-Filmen und Melodramen der späten Dreißigerjahre erfunden wurde, um die Sittenzensur des Hays Code zu umgehen. Der Hays-Code wurde allerdings 1968 abgeschafft, und die Volte verfolgt hier eine andere Zielrichtung. Ob sie ernst oder ironisch gemeint ist, ist durchaus von Belang. Entweder ist Marty tatsächlich einfach nur eine Variante der amerikanischen Traumerzählung, nach der man alles schaffen kann, wenn man sich nur genug anstrengt. Das wäre eine Lektion, die von Evangelikalen gern genommen würde. Einer der Safdies soll, der Schmuddel-Gerüchteküche zufolge, inzwischen „full MAGA“ sein. Oder das Schlussglück ist eben doch ironisch. Denkbar ist alles.

Filmisch ist MARTY SUPREME überzeugend, rasant geschnitten, mit der Safdie-üblichen hyperneurotischen Kamera, die jederzeit noch einen Reißschwenk aus der Westentasche ziehen kann. Alles ist Tempo und Aktion, auch wenn oft genug die Aktionen im Nichts oder der Gosse enden, wie die orangefarbenen Tischtennisbälle, die Marty von seinem Freund produzieren lässt, und die buchstäblich auf der Straße landen. (Später würde sich die Idee durchsetzen: In den Siebziger Jahren wurden auf einmal alle Bälle orange und gelb, im Tischtennis, aber auch im Tennis und Fußball.) Was die Erzählung tatsächlich soll, ist eine andere Frage. Warum wird Marty etwa vom US-Militär gerettet, als er alles auf eine Karte setzt und sich die Rückflugmöglichkeit in die USA verscherzt?

Im Interview mit epd Film hat Josh Safdie gesagt, er drehe Filme über Menschen, die einen Traum haben, der von niemandem respektiert werde, und das ähnele den Independent-Filmen, die er selbst drehe. Vielleicht geht die Identifikation mit dem fanatischen und rücksichtslosen Marty doch weiter, und vielleicht ist das ganze Safdie-Unternehmen, so gut es aussieht, doch auf dümmere Füße gebaut, als zunächst vermutet wurde. Was dann noch bleibt, ist eine auf Höchstgeschwindigkeit leerdrehende Erzählmaschine, die vor allem alte Gimmicks ausspuckt.

Vielleicht ist MARTY SUPREME aber auch ein Film über den demütigenden und entmenschlichenden Kampf, irgendetwas zu erreichen, wenn man in den USA ohne Geld geboren wird. Womit die Frage, warum man eigentlich unbedingt dieses oder jenes erreichen muss, noch nicht gestellt ist. Niemand muss unbedingt der beste Gesichter-zu-Matsch-Schläger oder der beste Tischtennisspieler der Welt werden. Timo Boll, tatsächlich einer der besten Tischtennisspieler der Welt, tritt übrigens in einem Cameo auf.

Vielleicht geht das Safdie-Filmwunder seinem Höhepunkt entgegen, vielleicht endet es, wie der angebliche Netflix-Film mit Adam Sandler, an dem die Safdies angeblich arbeiteten, als die ersten Vorwürfe gegen sie im Scheidungsfall eines Co-Produzenten auf den Tisch kamen. Vielleicht läuten die Safdies ein neues Zeitalter des heroischen Mackerfilms ein, nachdem die Tarantino-Mackerfilm-Ära zu Ende gegangen ist.

Tom Dorow

Details

USA 2025, 150 min
Genre: Komödie, Drama, Sportfilm
Regie: Josh Safdie
Drehbuch: Ronald Bronstein, Josh Safdie
Kamera: Darius Khondji
Schnitt: Ronald Bronstein
Verleih: Tobis Film
Darsteller: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A'zion, Kevin O'Leary, Tyler Okonma, Abel Ferrara, Fran Drescher
Kinostart: 26.02.2026

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Marty Supreme

USA 2025 | Komödie, Drama, Sportfilm | R: Josh Safdie

MARTY SUPREME ist eine auf Höchstgeschwindigkeit leer drehende Erzählmaschine – oder ein Film über den demütigenden und entmenschlichenden Kampf, irgendetwas zu erreichen, wenn man in den USA ohne Geld geboren wird.

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