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Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne

Hybris und Moderne

Inspiriert von der Geschichte der reichen Erbin und hoffnungslosen Opernsängerin Florence Foster Jenkins erzählt MADAME MARGUERITE von einer verblendeten Baronin, die sich als Operndiva inszeniert, obwohl sie keinen einzigen geraden Ton hinbekommt

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Die Geschichte der unmusikalischen Operndiva Florence Foster Jenkins wird uns in der nächsten Zeit noch einige Filmabende bescheren. Im nächsten Jahr wird es eine US-Verfilmung ihres Lebens unter der Regie von Stephen Frears und mit Meryl Streep in der Hauptrolle geben, außerdem ist für 2016 ein Dokumentarfilm über die amerikanische Königin der talentbefreiten Amateure geplant. Die erste Dosis misslungener Arien kommt aber aus Frankreich und macht aus der amerikanischen Erbin die französische Baronin Marguerite Dumont. Die Geschichte beginnt kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als ein Journalist und ein moderner Dichter sich auf eine Soirée bei Baronin Marguerite Dumas schmuggeln, wo sie von der vollkommenen Hybris der Baronin und der Speichelleckerei ihrer Günstlinge begeistert sind. Xavier Giannolis Film streut immer wieder kleine Szenen ein, die die Sensibilität der Nachkriegsgeneration beleuchten. Der Dichter Kyril hat wie Guillaume Appollinaire, der Pate der Surrealisten, eine Stahlplatte im Schädel und verteilt kleine Gedichtbände, deren Texte figurativ gesetzt sind wie in Appollinaires „Calligrammes“, einem Schlüsselwerk der klassischen Moderne. Eine öffentliche Theateraufführung, bei der er MARGUERITE die Marseillaise singen lässt, ist von Hugo Ball und dem Cabaret Voltaire inspiriert. Der Aufbruch der Moderne, Nachkriegsverzweiflung und -zynismus stehen hier der Einsamkeit der Hauptperson gegenüber, die aus einer überkommenen Gesellschaftsschicht stammt und sich, von ihrem Diener Madelbos unterstützt, ihre private Gegenmoderne erschafft, in der sie sich vor Madelbos Fotokamera in immer neuen Rollen als romantische Opernheldin inszeniert. Aus diesem Gegensatz zwischen dem Aufbruch einer neuen Subjektivität und Marguerites romantisch-solipsistischer Selbstverkennung schlägt der Film einige unerwartet eindringliche Funken.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Marguerite
Frankreich/ Tschechische Republik/ Belgien 2015, 127 min
Genre: Komödie
Regie: Xavier Giannoli
Drehbuch: Xavier Giannoli, Marcia Romano
Kamera: Glynn Speeckaert
Schnitt: Cyril Nakache
Musik: Ronan Maillard
Verleih: Concorde Filmverleih
Darsteller: Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau
FSK: 12
Kinostart: 29.10.2015

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