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Passagiere der Nacht

Erinnerung an die Hoffnung

In die Geschichte einer jungen Frau die von ihrem Mann verlassen wird, einen Job beim Late-Night-Radio bekommt und eine junge Obdachlose bei sich aufnimmt, hat Regisseur Mikhaël Hers zahlreiche Brüche eingebaut.

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Man kann den Film PASSAGIERE DER NACHT so sehen: Eine Frau wird von ihrem Mann verlassen, bekommt einen Job beim Late-Night-Radio, trifft eine junge Obdachlose, die sie in ihr Haus aufnimmt, und die zwar bald wieder verschwindet, aber sie selbst und ihre Familie dazu inspiriert, ein freieres Leben zu führen. Alles wird gut, und schließlich wird auch die Obdachlose gerettet. Das ist nicht sehr interessant. Aber so wurde der Film bei der Berlinale von Vielen verstanden.

Mikhaël Hers, der mit AMANDA (dt. Mein Leben mit Amanda) einen der besten Filme über die Folgen des Terrors für das Leben und Träumen von Pariser*innen gedreht hat und auch dort mit sehr subtilen Realitätsverschiebungen arbeitete, gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass diese Geschichte nicht ganz für bare Münze genommen werden kann. Die Hauptfigur Elisabeth (Charlotte Gainsbourg) hat oder hatte Brustkrebs. Ihre Geschichte beginnt am 8. Mai 1981. Der Sozialist François Mitterand ist gerade zum französischen Staatspräsidenten gewählt worden. Auf den Straßen wird gefeiert. Tatsächlich war die Wahl aber zwei Tage später, am 10. Mai.
Elisabeth freut sich im Auto ihrer Familie mit den Feiernden auf den Straßen. Im Autoradio läuft die Radiosendung „Les passagers de la nuit“, und die Moderatorin kündigt als erstes Lied „Regarde“ von Barbara an. Darin gibt es die Verse: „Regarde, au ciel de notre histoire, une rose, à nos mémoires, dessine le mot espoir... « („Sieh es dir an: Am Himmel unserer Geschichte, zeichnet eine Rose zu unseren Erinnerungen das Wort Hoffnung“). Aber das Lied ist nicht zu hören. Über den Kamerablicken auf moderne Architektur und Feiernde in der Nacht liegen melancholische Synthesizer-Sounds.

PASSAGIERE DER NACHT kündigt sich als ein Film über die Erinnerung an die Hoffnung an. Im Moment, in dem der Radio-Ton verschwindet, entgleitet die Realität. Ist Elisabeth am 8. Mai gestorben, und halluziniert sich zwei Tage in die Zukunft, und von dort aus vier, acht Jahre weiter in eine Zukunft, in der – mit Hilfe einer Traumfee, der obdachlosen Talulah (Noée Abita), alles gut wird? Die Fee war bereits zuvor erschienen. In den ersten Bildern des Films steht Talulah vor dem Stadtplan in der Pariser U-Bahn, auf dem die möglichen Fahrtstrecken damals mit Leuchtpunkten markiert wurden und auf Knopfdruck erstrahlten. Der analoge Zauber der Großstadt liegt in einer Überblendung auf ihrem Gesicht. Man kann ihre Figur als ein weiteres „manic pixie dream girl“ verstehen, eines dieser hübschen, etwas verpeilten, aber mit hoher Energie ausgestatteten Film-Mädchen, die in tausenden Coming-of-Age Filmen schüchterne Jungs, neuerdings auch schüchterne Mädchen, aus ihrer Lethargie reißen, um dann selbst gerettet zu werden oder verloren zu gehen. Aber Talulah ist klarer als ein geisterhaftes Phantasma markiert als in klassischen Coming-of-Age-Filmen.

Der Film macht nach diesen ersten Szenen zwei Zeitsprünge, nach 1984 und 1988. 1984 hat Elisabeth ihre Krebs-Erkrankung überwunden, aber ihr Mann hat sich getrennt, und sie hat Geldsorgen. Sie braucht einen Job, hat aber nie gearbeitet. Sie bekommt einen Job in der von Wanda (Emmanuelle Béart) moderierten Show „Les passagers de la nuit“. Dort lernt sie Talulah kennen, die als Gast eingeladen wurde, aber danach einsam auf einer Parkbank sitzt. Elisabeth nimmt das Mädchen mit nach Hause und quartiert sie in einer romantischen Dachkammer ein, ein Raum nahe dem Dach des Hochhauses, in dem die Familie wohnt – das moderne, imaginäre Äquivalent zum Gartenhaus im viktorianischen Roman, mit dem dieser Film einiges gemein hat. Talulah wird von allen geliebt und geht gern mit Elisabeths Teenager-Kindern ins Kino, und verschwindet wieder.

Vier Jahre, 1988, später taucht Talulah als Junkie wieder auf, wird aber geheilt, als wäre Heroinsucht ein böser Schnupfen. Sie will ins Kino, den Film VOLLMONDNÄCHTE von Eric Rohmer sehen. Matthias erklärt ihr, dass die Schauspielerin aus dem Film – Pascale Ogier – gestorben sei. „Das kann nicht sein“ murmelt Talulah immer wieder. Pascale Ogier war in den frühen achtziger Jahren der größte junge weibliche Star des französischen Kinos. Sie starb 1984, im gleichen Jahr, in dem auch Rohmers VOLLMONDNÄCHTE ins Kino kam. Talulah ist aus der Zeit gefallen. Warum?

Kurz vor ihrem Tod hatte Pascale Ogier in dem Experimentalfilm GHOST DANCE von Ken McMullen mitgespielt, in dem sie mit Jacques Derrida ein Gespräch über Film als Kunst der Geisterbeschwörung führt. Eine Erklärung für die Brüche in diesem Film wäre, dass die ganze Geschichte das Phantasma von Elisabeth auf der Grenze zwischen Leben und Tod erzählt, aus der Perspektive von 1981, auf dem Weg zum oder aus dem Krankenhaus. Dem Tod nahe, denkt sie darüber nach, was passieren könnte, wenn es ihr gelänge, den Krebs zu überleben. Weitere Spuren sind angelegt, die auch die anderen Figuren geisterhaft erscheinen lassen, trotz der über weiteste Strecken realistisch-psychologisch wirkenden Inszenierung. Aber wenn im Schlussbild Mutter Elisabeth mit ihren Kindern, Großvater und Talulah fröhlich im Park sitzen – ist das ein Happyend oder eine Erinnerung an die Hoffnung von 1981? Die Passagiere der Nacht sind auch die Gespenster derjenigen, die in den 80er Jahren verloren gingen.

Man kann den Film natürlich auch anders sehen. Dann ist alles sehr liebenswert und schön gespielt, aber ein bisschen banal. Ein Phantasma dagegen muss nicht unbedingt originell sein, Phantome sind es auch nur selten.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Les passagers de la nuit
Frankreich 2022, 111 min
Genre: Drama
Regie: Mikhaël Hers
Drehbuch: Maud Ameline, Mikhaël Hers
Kamera: Sébastien Buchmann
Schnitt: Marion Monnier
Musik: Anton Sanko
Verleih: eksystent distribution
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Quito Rayon-Richter, Noée Abita, Megan Northam, Thibault Vinçon, Emmanuelle Béart
FSK: 12
Kinostart: 05.01.2023

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Passagiere der Nacht

(Les passagers de la nuit) | Frankreich 2022 | Drama | R: Mikhaël Hers | FSK: 12

In die Geschichte einer jungen Frau die von ihrem Mann verlassen wird, einen Job beim Late-Night-Radio bekommt und eine junge Obdachlose bei sich aufnimmt, hat Regisseur Mikhaël Hers zahlreiche Brüche eingebaut.

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