
Neue Notiz
Herz aus Eis
Sehnsucht nach der Schneekönigin
Das 16-jährige Waisenmädchen Jeanne, das sich nach einem Herz aus Eis sehnt, flüchtet in die Stadt und findet Unterschlupf bei einer Filmproduktion, die gerade „Die Schneekönigin“ dreht.
In ihren Filmen schafft Lucile Hadzihalilovic Welten, die weniger eine Kopie der Realität darstellen, als dass sie Bewusstseinszustände vorführen, in denen sich die Realität spiegelt.
In HERZ AUS EIS ist das Märchen „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen das zentrale Motiv. Schon die erste Erzählebene, die Geschichte des 16-jährigen Waisenmädchens Jeanne (Clara Pacini), die das Waisenhaus auf einem hohen, verschneiten Berg verlässt und in die Stadt hinuntersteigt, hat märchenhafte Elemente. Jeanne hinterlässt auf dem Berg ein kleines Mädchen, das sie liebt, und dem sie eine „Zauberperle“ von ihrem Armband schenkt. Auf der Flucht stürzt Jeanne und verliert das Bewusstsein, erwacht aber wieder. Das ist die erste Bifurkation, denn ab hier kann es sein, dass Jeanne auf dem Berg erfroren ist und der Rest ihren Weg in ein Jenseits zeigt. Zugleich lebt sie weiter und spürt ihrem Traum nach.
Im Waisenhaus auf dem Berg las Jeanne das Märchen von der Schneekönigin vor, aber nicht die Teile, in denen es um Kai geht, der leichtsinnigerweise seinen Schlitten an den der Schneekönigin bindet, und dessen Herz nach zwei Küssen der Königin zu Eis wird, sodass er alles vergisst, auch die kleine Gerda, die ihn liebt und sein eisiges Herz wieder zum Schmelzen bringen muss. Jeanne geht es nur um die Schönheit, Klarheit und Kälte der Schneekönigin selbst und um die Herrlichkeit ihres vom Nordlicht beschienenen Palastes. Sie besitzt nur zwei Objekte aus ihrer Kindheit: die Kette mit den „Zauberperlen“ und eine Postkarte, die einen Eislaufring zeigt. In der Stadt findet Jeanne tatsächlich den Eislaufring, auf dem eine junge Frau, Bianca, besonders schön tanzt. Jeanne, die keinen Platz zum Schlafen hat, kriecht in ein Kellerfenster und schläft dort auf einem Haufen glitzernden Stoffes ein. Am nächsten Tag sieht sie durch einen Verschlag die Schneekönigin (Marion Cotillard) selbst. Sie ist in einem Studio gelandet, in dem ein Märchenfilm gedreht wird, mit dem launischen Star Christina van den Berg als Schneekönigin. Jeanne gibt sich als Statistin aus, nennt sich „Bianca“ und begegnet Christina, die beginnt, sie zu protegieren. Christina spielt aber nicht nur die Eiskönigin, sie hat tatsächlich deren Charakter.
Hadzihalilovic erzählt in immer neuen Rahmungen und Doppelungen von der Sehnsucht nach einem Herz aus Eis. Die Film-im-Film-Szenen erinnern an osteuropäische Märchenfilme, DIE SCHNEEKÖNIGIN etwa wurde 1967 in der Sowjetunion von Gennadi Kasanski in einem ähnlichen Stil mit deutlich erkennbaren Kulissen verfilmt. Hadzihalilovic inszeniert, vom Eisring ausgehend, immer neue Bühnen.
Es gibt aber eine Figur, die dieses theatrale Spiel mit Bühnen und Rahmungen durchbricht: Eine Ausstatterin, der Jeanne im Studio begegnet, ist der reale, freundliche Gegenpol zum mysteriösen, kalten Star Christina und zu der Traumwelt, in der Jeanne lebt. Sie trifft Jeanne am Morgen, als die sich am Buffet bedient, und weiß sofort, dass das Mädchen nicht zur Produktion gehört, bietet ihr aber einen Ausweg: „Bist du Statistin?“ Als Jeanne von Christina versetzt wird, warnt sie Jeanne: „Das hat sie vergessen. Das ist eben Christina.“ Kein Mysterium, einfach eine freundliche Person, die vor dem eitlen Spiel einer unfreundlichen Person warnt und dem Film eine Ebene jenseits der so schönen wie bedrohlichen Märchenwelt hinzufügt. Jeanne muss ihre Sehnsucht nach der Schneekönigin und ihre Traurigkeit überwinden, ohne vollständig die Verzauberung aufzugeben. Davon erzählt der Film in spektakulären Bildern.
Originaltitel: La Tour de glace
Frankreich/Deutschland 2025, 118 min
Sprache: Französisch
Genre: Drama, Fantasy
Regie: Lucile Hadzihalilovic
Drehbuch: Lucile Hadzihalilovic
Kamera: Jonathan Ricquebourg
Schnitt: Nassim Gordji Tehrani
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Marion Cotillard, Clara Pacini, August Diehl, Gaspar Noé
Kinostart: 18.12.2025
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