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La Grazia

Staatsmann im Dilemma

Toni Servillo hat den Schmerz und die Trauer seiner Figur ebenso verinnerlicht wie die Würde, die Eleganz, die Grazie, mit der sich der alternde Staatsmann durch den Film bewegt.

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Mariano De Santis (Toni Servillo) ist kein Freund schneller Entscheidungen, da schlummert der alte Christdemokrat in ihm. Doch in seiner Position als italienischer Präsident läuft ihm die Zeit davon. Bald endet seine Amtszeit und es gibt noch wesentliche Dinge zu regeln: Ein Gesetz zur Sterbehilfe steht aus, ebenso wie zwei Gnadengesuche, die ihn moralisch vor ein Dilemma stellen. Was die Sache kompliziert macht, ist Marianos eigene Befangenheit. Er muss nicht nur für die italienische Gesellschaft entscheiden, sondern auch für sich selbst. Diese Last der Verantwortung drückt so sehr auf seinen Schultern, dass sein ganzes Dasein ihm plötzlich leer und qualvoll erscheint. Vor allem seit dem Tod seiner geliebten Frau Aurora fällt es ihm schwer, Freude und Schönheit im Alltag zu erkennen. Selbst die Zuneigung und Bewunderung seiner Tochter Dorotea (Anna Ferzetti) prallen wirkungslos an ihm ab.



Toni Servillo verleiht Marianos Verbohrtheit in jeder Szene Ausdruck. Er hat den Schmerz und die Trauer seiner Figur ebenso verinnerlicht wie die Würde, die Eleganz, die Grazie, mit der sich der alternde Staatsmann durch den Film bewegt. Sein Auftritt erinnert an den zynischen Reporter Jep, den der italienische Regisseur Paolo Sorrentino einst in LA GRANDE BELLEZZA (2013) geistreich und lebensmüde zugleich durch die nächtlichen Straßen Roms flanieren ließ. Doch Mariano wirkt noch einsamer, unglücklicher, gebrochener. Von seinen politischen Verpflichtungen abgesehen, umschleicht ihn der Verdacht, dass Aurora ihn vor 40 Jahren betrogen hat. Nur mit wem? Während Mariano verzweifelt mit seiner Vergangenheit Frieden zu schließen sucht, bewegt sich die Kamera geschmeidig durch die pompösen Räume des Quirinalspalastes oder beobachtet geduldig, wie der scheidende Präsident seinen letzten politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen nachgeht.

Pamela Jahn

Details

Italien 2025, 133 min
Sprache: Italienisch
Genre: Drama, Komödie, Politfilm
Regie: Paolo Sorrentino
Kamera: Daria D'Antonio
Schnitt: Cristiano Travaglioli
Verleih: Mubi Deutschland
Darsteller: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Massimo Venturiello, Milvia Marigliano, Orlando Cinque
Kinostart: 19.03.2026

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