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La Flor

Kino als Anti-Serie

Mariano Llinas 14-stündiger Film besteht aus sechs Filmen. In den meisten spielen die selben vier Schauspielerinnen die Hauptrolle. Von alten B-Horrorfilmen über Latin-Musicals, Spionage-Filme, seltsamen okkulten Verwicklungen und einem stummes Remake eines Jean-Renoir-Films entsteht ein Panorama von Filmgeschichten und -geschichte.

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LA FLOR dauert mit rund 14 Stunden ungefähr so lange wie eine Staffel einer durchschnittlichen TV-Serie, aber das ist auch die einzige Gemeinsamkeit. LA FLOR ist Kino als Anti-Serie. Auf Streamingdiensten und im Long-Tail-Geschäft der DVDs würde Mariano Llinas Film schnell irgendwo im Niemandsland des „nicht mehr Verfügbaren“ verschwinden. So aber werden ihn ein paar Hundert oder, wenn es gut läuft, ein paar Tausend Leute dort sehen, wo er hingehört. LA FLOR feiert die Möglichkeit der Freiheit und Exzentrizität eines Kinos, das bereits verschwunden ist, und von den genau auf Zuschauerbedürfnisse zugeschnittenen Programmen der Streamingdienste nicht wiederbelebt werden wird. Das neue Fernsehen liefert genau so viele Traditionsbrüche, dass es sich selbst – nach Maßgabe der Marktforschung – immer wieder als Höhepunkt und Vollendung der Tradition eines Genres präsentieren kann, als das neue, heiße, echte Ding. LA FLOR ist dagegen das wilde Blühen von Film-Geschichten und Geschichtsfetzen, das nichts weiter will als zu einer Erzählmaschine zu werden, die solange weitergeht, bis sie achselzuckend endet.

Die steile und provokante Konstruktion des Films, die der Regisseur zu Beginn auf ein Blatt Papier aufmalt, um später immer mal wieder darauf hinzuweisen, wo genau in seinem Schema wir uns gerade befinden, ist so hübsch wie absurd: Der Film soll die Form einer Blume haben. Er besteht aus sechs Filmen. In den ersten vier (den Blütenblättern) und im sechsten (dem Blumenstiel) spielen die gleichen vier Schauspielerinnen die Hauptrollen – Elisa Carricajo, Valeria Correa, Pilar Gamboa und Laura Paredes, mit der Mariano Llinas inzwischen verheiratet ist. Im fünften Film (dem Blütenboden) fehlen die vier Frauen. Nur einer der Filme hat ein Ende. Der erste, zweite und dritte Film beziehen sich auf Filmgenres. Der erste auf alte B-Horror-Filme – mit Mumien, Wissenschaftlerinnen und hilflosen Opfern eines alten Fluches. Der zweite ist ein Musical über die leidenschaftliche Hassliebe zwischen einer genialen Sängerin und ihrem versoffenen, nichtsnutzigen Partner, der sie gerade für eine andere verlassen hat – während sich gleichzeitig eine zweite Geschichte entspinnt, in der es um eine bizarre Sekte auf der Suche nach einem geheimnisvollen Skorpiongift geht. Der dritte ist ein Spionage-Film, der eigentlich nur daraus besteht, dass vier Frauen auf vier andere Frauen warten, die sie töten wollen – währenddessen werden die Hintergrund-Geschichten der Beteiligten erzählt. Den vierten Film nennt Mariano Llinas „schwer zu beschreiben“. Er fängt als Metafilm über eine Filmproduktion an, die der von LA FLOR sehr genau ähnelt, nur dass das Schema nicht einer Blume, sondern einer Spinne entspricht – und wird dann zu einer wüsten Story über das Filmen von Bäumen, über Hexerei, okkulte Detektive, seltene Bücher und Wahnsinnige. Diese vier Filme haben zwar kein Ende, aber sie hören auf dem Höhepunkt oder mit der Pointe auf, nach der Filmgeschichten meist eh unbefriedigend werden. Was ist unbefriedigender als die elende Auflösung, das erbärmliche Ende der Schönheit unserer Helden und Heldinnen oder die dusselige Erklärung einer verfluchten Horrorgeschichte? Der fünfte Film ist ein Remake des Jean-Renoir-Films PARTIE DE CAMPAGNE (dt. EINE LANDPARTIE) von 1936 als Stummfilm. Der letzte Film ist die Verfilmung eines Ausschnitts aus der Autobiografie einer englischen Lehrerin, die mehrere Jahre in der Prärie bei „Indianern“ gelebt hat und mit drei anderen Frauen in die „Zivilisation“ zurückkehrt. Ein Experimentalfilm mit verschmutzter Linse, ein Abschied, in dem wieder die vier Frauen die Hauptrolle spielen.

Das ist konfus, erschöpfend, dabei aber auch rasend aufregend und sehr amüsant. Natürlich beklatschen sich Kritiker auch dafür, so einen langen Film überhaupt ausgesessen zu haben, das hält man ja bestenfalls für ein Meisterwerk aus – aber LA FLOR ist an sich ein bescheidener Film, der mehr wie kollektiv vor sich hin produziert wirkt, als dass sich der Wille zum großen Wurf erkennen ließe. Eher regiert eine Selbstironie, wie man sie nicht mehr gesehen hat, seit David Foster Wallace Ironie als Wurzel allen Übels abgeschafft hat. LA FLOR ist das Gegenpamphlet: für die Spielerei, das Herumspinnen, das Herunterbrechen jeder privaten Leidenschaft auf Gag und Effekt, für die Tarnung und das Verkleiden, in der Hoffnung, dass hinter dem Spaß, Unfug und Unsinn, der keinesfalls mit dem Blödsinn verwechselt werden sollte, etwas erscheint, das wahr und schön ist. Es hat, für mich, funktioniert. Als die vier Frauen im fünften Film nicht auftraten, vermisste ich sie wie alte Geliebte, und wenn die Kunstflieger ekstatische Ornamente in die Luft malen, fühlt es sich an, als sei nicht nur das Kino in der Lust und im Überschwang wiedergeboren.

Tom Dorow

Details

Argentinien 2018, 837 min
Sprache: Spanisch
Regie: Mariano Llinas
Drehbuch: Mariano Llinas
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Laura Paredes, Pilar Gamboa, Valeria Correa, Elisa Carricajo
Kinostart: 25.07.2019

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