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Joyland

Nächtliche Sehnsüchte

JOYLAND beginnt wie ein modernes Märchen und zeichnet bald ein allzu realistisches Sittenbild Pakistans. Während Haider sich in das Nachtleben mit trans Tänzerin Biba flüchtet, verzweifelt seine Frau Mumtaz an ihrer Rolle als Hausfrau und werdende Mutter.

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Ein Mehrgenerationenhaus in Pakistan: Der sanftmütige Haider betreut die Kinder seines älteren Bruders, kocht die besten Linsen für seine Schwägerin und kümmert sich um den pflegebedürftigen Vater. Ehefrau Mumtaz bringt als Kosmetikerin das Geld nach Hause und schlachtet für Haider die Ziegen, wenn der sich ziert. Aber lange ist das mit der Ehre der Männer nicht zu vereinbaren. Haider soll endlich tun, was Mann eben zu tun hat: Brotverdiener sein und Nachwuchs zeugen. In der Not nimmt er einen Job als Background-Tänzer in einem Cabaret an und verliebt sich schon bald in seine Chefin, Tänzerin Biba, die offen trans ist.
JOYLAND beginnt wie ein modernes Märchen und zeichnet bald ein allzu realistisches Sittenbild. Während Haider sich in das Nachtleben mit Biba flüchtet, verzweifelt seine Frau Mumtaz an ihrer neuen Rolle als Hausfrau und werdende Mutter. Die Eheleute versuchen zueinander zu halten, aber geraten immer tiefer in einen Strudel von Erwartungen und Anschuldigungen. In seinem Debütfilm zeigt Saim Sadiq die Engmaschigkeit des Familiennetzes, aber auch die Engstirnigkeit der Leute – vor allem der Nachbarschaft, der kein Detail, kein Gerücht entgeht.
In Bildern, die ihren Rahmen zu sprengen scheinen, entführt die Kamera in die verborgensten Ecken der Kulturhauptstadt Lahore. Im Cabaret und dem benachbarten Vergnügungspark Joyland glitzert und blinkt die Verlockung, frei und haltlos zu sein. Haiders Tanzszenen versprechen Erlösung, aber demonstrieren letztendlich vor allem, wie schwer es ist, sorglose Freude zu finden. Regelmäßig fällt der Strom aus und die Handytaschenlampen müssen herhalten. Trotz aller Ambitionen bleibt die Tanztruppe um die charismatische Biba nur ein Pausenfüller.
Und doch: Haider eröffnet sich mit Biba eine andere Welt, die Trans-Community Pakistans. Dagegen träumt Mumtaz von einem anderen Leben, weit weg von dem, das die zutiefst patriarchale Gesellschaft für sie als Mutter und Ehefrau vorsieht. Wenn Sadiq zeigt, wie sich spätnachts die Eheleute ihren jeweiligen Sehnsüchten hingeben, ist das auch eine Anerkennung der stillen Revolution im Privaten. Die Suche nach Freiheit wird am deutlichsten, wenn sich Sadiq den Frauen zuwendet. Der Wunsch, Unabhängigkeit und Wertschätzung jenseits der Familie zu finden – das ist die große Wunde des Patriarchats, die in JOYLAND klafft und offenbleibt.

Anna Hantelmann

Details

Pakistan 2022, 126 min
Genre: Drama
Regie: Saim Sadiq
Drehbuch: Saim Sadiq
Kamera: Joe Saade
Schnitt: Saim Sadiq, Jasmin Tenucci
Verleih: Filmperlen
Darsteller: Salmaan Peerzada, Ali Junejo, Sarwat Gilani, Sania Saeed, Sohail Sameer
FSK: 12
Kinostart: 09.11.2023

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