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Jazzfieber

Mit einer Fülle an Archivmaterial wird in sechs Kapiteln die Geschichte des deutschen Jazz abgehandelt. Vom Swing der zwanziger Jahre über die Bars amerikanischer GIs und Nachkriegs-Ruinenkeller bis in die Sechziger und Siebziger, als Jazz zur Fernsehtauglichkeit gedieh.

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Zwei Filme über Jazz, die nur wenig gemein haben. Der eine, MUSIC FOR BLACK PIGEONS aus Dänemark ist eine meisterliche Komposition aus Bildern, Tönen und Emotionen, unbedingt sehenswert. Der andere, JAZZFIEBER, bescheidet sich als Kompilation vor allem aus Archivmaterial, eine Fleißarbeit, manchmal amüsant. In sechs Kapiteln wird die Geschichte des deutschen Jazz abgehandelt, der so richtig fiebrig nie war. Vom Swing der zwanziger Jahre, der als neue deutsche Tanzmusik die NS-Verbote überlebte, führt dieser Schnellkurs in die Bars amerikanischer GIs und Nachkriegs-Ruinenkeller bis in die Sechziger und Siebziger, als Jazz, ordentlich swingend, zur Fernsehtauglichkeit gedieh. Chefs der großen Bigbands von damals lässt Reinhard Kungel (Regie, Kamera und Drehbuch) zu Wort und Anekdoten kommen. Und weil es nicht abendfüllend ist, wenn ältere Herren von der guten alten Jazz-Zeit erzählen, springt Kungel munter und oft zu hastig zwischen den Zeiten und Bildern hin und her, von heute (was aber auch schon vorbei ist) ins Gestern und Vorgestern usw. Um die These „der Jazz lebt“ zu untermauern, holt er sich Hilfe in der Gegenwart in Gestalt der Sängerin Hannah Weiss, die in einer Art sokratischer Hebammentechnik lauter kluge Fragen stellen muss, die der kluge Jazz Professor Tizian Jost dann klug beantworten darf. Aus deren Programm „Feindsender“ wird ausführlich zitiert. Außerdem dürfen die Zuschauer mit Alma Naidu auf Tour gehen, und da ahnt man wenigstens, dass es außer Swing auch noch so etwas wie Bebop oder Cool Jazz gegeben haben muss. Im JAZZFIEBER kommt der so gut wie gar nicht vor.



Mit den MUSIC FOR BLACK PIGEONS zeichnen die Filmemacher Jorgen Leth und Andreas Koefoed das Porträt des dänischen Gitarristen Jakob Bro. 14 Jahre lang haben sie zugehört und zugesehen, wie dessen Kompositionen zu Musik werden, in Ensembles mit den ganz großen Jazzmusikern, mit Bill Frisell, Andrew Cyrille, Lee Konitz, Thomas Morgan, Mark Turner, Paul Motian, Joe Lovano, Joey Baron, Palle Mikkelberg und und und … Ja, auch Midori Takada ist dabei, diese außergewöhnliche Schlagzeugerin, die so meditativ leise die Klangschalen streicht und dann gewaltig donnernd die Paukenkessel traktiert. Es wird keiner der Titel ganz gespielt, kein Set aus dem Konzertsaal fertig übernommen. Das Konzert findet im Studio statt, bei den konzentrierten Proben, der gemeinsamen Einstimmung auf etwas, von dem keiner der Mitwirkenden weiß, ob es wahr werden wird. Und das dann doch geschieht, weil alle teil haben an dem Riesenkosmos des Jazz, weil sie alle die Musik ihrer berühmten Vorväter in der Seele tragen. Und wenn es passiert, wenn den Musikern ein Take glückt, so wie er nur glücken kann, dann geht ein Lächeln auf in ihren Gesichtern. Als MUSIC FOR BLACK PIGEONS 2022 bei den Filmfestspielen in Venedig lief, wurde er von Jazz-Affinados gefeiert als der ultimative Musikfilm überhaupt. Vielleicht ist das übertrieben, aber einer der zweitschönsten nach JAZZ ON A SUMMER'S DAY (Newport 1958) ist er allemal.

Elizabeth Bauschmid

Details

Originaltitel: Jazzfieber – The Story of German Jazz
Deutschland 2023, 92 min
Genre: Dokumentarfilm, Musikfilm
Regie: Reinhard Kungel, Andreas Heinrich
Drehbuch: Reinhard Kungel
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 07.09.2023

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