
Neue Notiz
In die Sonne schauen
Ahnung vergangener Geschehnisse
Über ein Jahrhundert und vier Generationen verwebt der Film das Leben von Frauen auf einem Hof in der Altmark zu einer lyrischen Erkundung vererbter Traumata.
Ein Hof in der Altmark ist über Jahrhunderte das Zuhause junger Frauen. Hier lebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Mädchen Alma mit ihren Schwestern, die junge Erika in den 1940er Jahren, der Teenager Angelika in der DDR der 1980er und schließlich Nelly und Lenka im Hier und Jetzt, deren Eltern das Familienglück von Berlin aufs Land versetzen wollen. Was die Frauen über die Generationen verbindet, ist nicht nur der Ort oder ein Ästchen im Familienstammbaum. Ihre Leben verknüpft ein unsichtbares Band, ein wiederkehrendes Erleben. Eine Ahnung vergangener Geschehnisse, die wie ein Flirren durch das Gehöft zieht. Erschütterungen, Tod, Verlust, aber auch Liebe, die Leichtigkeit eines kindlichen Spaßes, das zärtliche Band der Schwesterlichkeit wiederholen sich auf diesem Stück Land.
Regisseurin Mascha Schilinski schrieb das Drehbuch zusammen mit Louise Peter auf dem Hof, der später auch als Schauplatz des Films dient. Inspiriert durch eine alte Fotografie von drei Frauen beim Hühnerfüttern, die direkt in die Kamera schauen, stellten sich die beiden die Frage, wie diese Frauen lebten, und was sich in den Leerstellen verbirgt, die sich in der zeitlichen Diskrepanz und der Gleichzeitigkeit des Ortes auftun. Diese geheimnisvolle Direktheit – fünf Blicke, die über Jahrzehnte hinweg aufeinandertreffen – wird zum Organisationsprinzip des Films.
IN DIE SONNE SCHAUEN entzieht sich einer klassischen, chronologischen Erzählweise, verwebt Zeit und Raum, Alltagsrituale und Phänomene der Wahrnehmung zu einer engmaschigen Decke, die sich über die Zuschauer*innen legt und jede noch so geisterhafte Erscheinung darunter konsequent erscheinen lässt. Was eine konventionelle Mehrgenerationen-Saga hätte werden können, wird zu einer lyrischen Erkundung vererbter Traumata. Die mystische Stimmung erinnert dabei an die Erzählungen Isabell Allendes und den magischen Realismus des lateinamerikanischen Kinos.
Alma, die nach ihrer früh verstorbenen Schwester benannt wurde und ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, ist fasziniert vom Tod und den Ritualen, die ihn umgeben, und scheint dabei selbst immer geisterhafter zu werden. In ihrer Welt werden die Mägde „ungefährlich“ für Männer gemacht, was das heißt, zeigt sich statt in großen dramatischen Szenen in kleinen Momenten - den Händen der Männer auf den Brüsten der Magd, dem unheimlichen Starren von Männeraugen auf pubertierende Mädchenkörper, das sich durch die Jahrhunderte zieht, bis zu Angelika und ihrem Onkel, dessen Augen sie beim Schwimmtraining im Fluss nicht entkommen kann. Neben dem Hof wird dieser Fluss ein wiederkehrender Grenzort, nicht nur geopolitisch, sondern auch metaphysisch, als Übergang von Ost zu West, von einem Zustand in den anderen, oder als Möglichkeit, sich einem ungewollten Schicksal zu entziehen.
Das mag alles etwas düster klingen. Mascha Schilinski bricht diese melancholische Grundstimmung aber immer wieder mit Momenten der Leichtigkeit - kleine Streiche, der Humor der kindlichen Direktheit und des altmärkischen Dialekts, die Schönheit des Sonnenspiels in den alten Gemäuern. Die Bilderwelt selbst nimmt einen altmeisterlichen Anstrich an, im Lichtfall, der Farbatmosphäre, in der Komposition, und ist doch oft unvermittelt drastisch in der Darstellung der Körperlichkeit. Auf der Tonebene summt und surrt es, atmet es tief und schwer. Der Sommer, der die vorherrschende Jahreszeit ist, ist spürbar. Nur gegen Ende erklingt ein Musikstück, das ätherische „Stranger“ von Anna von Hausswolff.
Wie in der inspirationsgebenden Fotografie, blicken die Protagonistinnen immer wieder direkt in die Kamera, durchbrechen die vierte Wand und holen die Zuschauer*innen in diesen schwebenden Raum. Vertrauen ihnen ihre Geheimnisse an und machen sie zum Teil der Geschichte. Das macht IN DIE SONNE SCHAUEN zu einem beeindruckend stringenten Filmwerk und einem eindringlichen, poetischen Seherlebnis, dem sich auch die Jury der Filmfestspiele in Cannes nicht entziehen konnte.
Deutschland 2025, 149 min
Genre: Drama
Regie: Mascha Schilinski
Drehbuch: Louise Peter, Mascha Schilinski
Kamera: Fabian Gamper
Schnitt: Evelyn Rack, Billie Mind
Musik: Michael Fiedler, Eike Hosenfeld, Anna Kühlein
Verleih: Neue Visionen
Darsteller: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Luise Heyer, Lea Drinda, Susanne Wuest, Luzia Oppermann
FSK: 16
Kinostart: 28.08.2025
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In die Sonne schauen
Deutschland 2025 | Drama | R: Mascha Schilinski | FSK: 16 | Interview
Über ein Jahrhundert und vier Generationen verwebt der Film das Leben von Frauen auf einem Hof in der Altmark zu einer lyrischen Erkundung vererbter Traumata.
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