
Neue Notiz
Im Reich der Sinne
Erotische Todes-Utopie
Nagisa Oshimas Skandalfilm über den Mord der Prostituierten Abe Sada an ihrem Geliebten Kichi ist komplett auf das erotische Begehren konzentriert, über die Hintergründe der Figuren wird nichts erzählt.
Nach der Premiere bei der Berlinale 1976 wurde Nagisa Oshimas japanisch-französische Koproduktion IM REICH DER SINNE noch im Saal von Polizei und Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Im folgenden Prozess allerdings wurde der Film vom Vorwurf der Pornografie freigesprochen, vor allem aufgrund des Einspruchs aus Reihen der Filmkritik und des Verbands der Filmverleiher. Oshimas Film erhielt sogar eine Freigabe von der FSK und lief in deutschen Kinos, erfolgreich genug, sodass Oshimas nächster Film AI NO BOREI (Totengeist der Liebe) vom Verleih in IM REICH DER LEIDENSCHAFT (1978) umbenannt wurde.
Im Kino war Oshimas Film seitdem nicht mehr zu sehen, schon gar nicht in der vollständigen, vom französischen Filminstitut CDC restaurierten Fassung. Die Geschichte der Prostituierten Abe Sada, die ihren Liebhaber erwürgte, ihm die Geschlechtsteile abschnitt und damit zwei Tage durch Pensionen irrte, war 1936 ein Skandal und inspirierte in den 70er Jahren zahlreiche literarische Verarbeitungen und eine ganze Reihe von Filmen, darunter A WOMAN NAMED ABE SADA (1975) und IM REICH DER SINNE. Die Diskussion von Zusammenhängen von Erotik und Tod war im Frankreich der Post-68er-Generation durch die Lektüre von Wilhelm Reich, Georges Bataille und Herbert Marcuse ein philosophisch-politisches Thema geworden, das wohl auch die Produktion des Films erleichtert haben mag.
Oshimas Film ist komplett auf das erotische Begehren konzentriert, über die Hintergründe der Figuren wird nichts erzählt. Hier führt die Utopie eines anhaltenden Begehrens zunächst zu sadomasochistischen Szenarien, geht dann zur Verkehrung der Machtverhältnisse zwischen Sada und ihrem früheren Herrn Kichi über und endet bei Würgespielen, die auch von Kichi ins Sextod-Extrem getrieben werden. Ein erotisches, ästhetisches und politisches Meisterwerk.
Originaltitel: Ai no corrida
Japan 1976, 108 min
Sprache: Japanisch
Genre: Drama, Sexfilm
Regie: Nagisa Ōshima
Drehbuch: Nagisa Ōshima
Kamera: Hideo Ito
Schnitt: Keiichi Uraoka
Musik: Minoru Miki
Verleih: Rapid Eye Distribution
Darsteller: Eiko Matsuda, Tatsuya Fuji
FSK: 18
Kinostart: 11.06.2026
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