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Im Namen des...

Frei fließende Sinnlichkeit

Adam, ein junger Priester mit himmelblauen Augen, ist in ein kleines polnisches Dorf beordert worden, um dort ein Zentrum für schwererziehbare Jugendliche aufzubauen. Seine geheime Sehnsucht gilt den jungen Männern, um die er sich engagiert kümmert.

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Bereits in ihrem zweiten Spielfilm ONO (LEBEN IN MIR, 2004) experimentierte die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska mit einer eigentümlichen Mischung aus Religion, Sozialdrama und Sinnlichkeit. Damals ging es um eine junge Frau, Eva, die ungewollt schwanger wird und das Kind abtreiben möchte. Als sie in der Klinik warten muss, hört sie zufällig mit an, wie die Krankenschwester einer Patientin erklärt, dass Kinder bereits im Embryonalzustand hören können. Der Satz ist für Eva der Beginn einer Art Erleuchtung, und aus der pampigen Tankstellenangestellten wird eine sanftmütige Madonna, die segensreich auf ihre Umgebung wirkt. Ein strahlendes Licht in einem Kreis von Ausgestoßenen. In verträumten Bildern und mit extrem gut aussehenden Darstellern (Eva wird vom Supermodel Małgosia Bela gespielt) inszenierte Szumowska Schwangerschaft als einerseits religiöse, andererseits sehr sinnliche, fast schon sexuelle Erfahrung.
Ohne inhaltlich mit ONO verknüpft zu sein, fühlt sich IM NAMEN DES…, der auf der Berlinale 2013 mit dem Teddy-Award für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde, wie eine Fortsetzung an. So als ob Szumowska auf einmal den irritierend gut aussehenden Priester aus ONO, eine kleine Nebenrolle, in den Blick nehmen würde, um nun in seine Welt einzutauchen. Nach Eva nun also Adam (Andrzej Chyra), ein junger Jesuit mit Terence-Hill-blauen Augen, der in ein kleines polnisches Dorf beordert worden ist, um dort ein Zentrum für schwererziehbare Jugendliche aufzubauen. Es ist eine raue Umgebung. Prügeleien und Beschimpfungen – „Jude“, „Schwuler“ – sind an der Tagesordnung. Als ein Mädchen einen epileptischen Anfall erleidet, will erst keiner helfen. Aber Adam macht seine Arbeit Freude. Mit Engagement und einem guten Gespür für die Balance zwischen Strenge und Kumpelhaftigkeit betreut er die Jungen, hilft bei der Arbeit, nimmt ihnen die Beichte ab. Er ist freundlich zu Kollegen und Dorfbewohnern. Die Verführungsversuche der gelangweilten Ewa (Maja Ostaszewska) lehnt er rücksichtsvoll und bestimmt ab. Seine Blicke gelten den jungen, gerade erst erwachsenen Männern in seiner Obhut. Er sucht ihre Nähe und hält sich zugleich fern. Als ihm ein Junge verzweifelt von seinen homosexuellen Erfahrungen erzählt, rät er ihm, regelmäßig zu joggen – so wie er selbst täglich Runde um Runde durch den Wald dreht. Als er zwei Jungen beim Sex im Klubraum beobachtet, verschenkt er am nächsten Tag die Couch.
Die Handlung von IM NAMEN DES… könnte die Vorlage für eine traurige Missbrauchsgeschichte abgeben, oder für die deprimierende Studie eines von Selbstzweifeln geplagten Schwulen in einer homophoben Gesellschaft. Aber Szumowskas Interesse ist allgemeiner, poetischer, ambivalenter. Das sozialrealistische Setting ihres Films ist durchtränkt von einer frei fließenden Sinnlichkeit. Goldene Abendsonne bescheint idyllische Szenen von raufenden jungen Männern, Sandboden und Kiefernwald, Baden im See, Versteckspielen im Maisfeld. Adams Sehnsucht, die sich mal auf den einen, mal auf den anderen zu richten scheint, aber vor allem dem schweigsamen und von allen gehänselten „Kürbi“ gilt, scheint den Bildern selbst eingeschrieben, dem Licht, den Blicken. Sie ist zugleich präzise benennbar als Wunsch nach Sex mit dem gleichen Geschlecht und so ungerichtet allgemein wie die unbestimmte Sehnsucht, die einen an einem lauen Sommerabend heimsuchen kann.
Während Szumowskas ganz eigene Fusion von sozialem Porträt, ästhetisierten Oberflächen und religiöser Symbolik in ONO noch ziemlich heftig rumpelte und für Kopfschütteln sorgte (zumindest bei dieser Rezipientin), erschließt sie in IM NAMEN DES… neue Bedeutungen und findet faszinierende Ambivalenzen im scheinbar Eindeutigen.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: W imie...
Polen 2012, 96 min
Genre: Drama
Regie: Malgorzata Szumowska
Drehbuch: Malgorzata Szumowska, Michał Englert
Kamera: Michal Englert
Schnitt: Jacek Drosio
Musik: Pawel Mykietyn, Adam Walicki
Verleih: Salzgeber
Darsteller: Andrzej Chyra, Maja Ostaszewska, Mateusz Kosciukiewicz, Lukasz Simlat, Maria Maj, Tomasz Schuchardt, Kamil Adamowicz
FSK: 12
Kinostart: 15.05.2014

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