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Ich will alles. Hildegard Knef

Multitalent, Überlebenskünstlerin, Projektionsfläche

Luzia Schmid lässt in ihrem Porträt in einem großen Reichtum an Archivmaterial fast nur die Knef selbst sprechen, in klug ausgewählten Ausschnitten aus Interviews, Konzerten und ihren Büchern.

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Ein Film über Hildegard Knef braucht eine große thematische Spannweite, um ihr gerecht zu werden – das künstlerische Werk, die persönliche Dramatik, ihre öffentliche Rolle als Projektionsfläche der Klatschpresse und für die deutschen Nachkriegsmoralwächter.

Luzia Schmid lässt in ihrem Porträt in einem großen Reichtum an Archivmaterial fast nur die Knef selbst sprechen, in klug ausgewählten Ausschnitten aus Interviews, Konzerten und ihren Büchern. Sie vermeidet eine allumfassende These und macht dadurch die Porträtierte in ihrer Kraft und in ihren Widersprüchen umso direkter erlebbar. Ihrer legendären öffentlichen Schlagfertigkeit und Stärke steht eine hoch sensible private Persönlichkeit gegenüber, die aus der Jugend im Berliner Kriegschaos Lebensgefahr als eine Art Normalzustand kannte und nicht ohne Grund vor jedem Auftritt Qualen der Angst litt. Ihre Verletzungen verarbeitete sie in autobiografischen Büchern und in brüchig-unromantischen Songtexten, die mal an Tucholsky, mal an Brecht erinnern, und in denen es von wunderbar zitierfähigen Pointen nur so wimmelt.

Die Kommunikation mit dem Publikum muss ihr eine Notwendigkeit gewesen sein, nach der sie in diversen Berufen immer wieder gesucht hat – aus der Schauspielerin Knef entwickelte sich die Textdichterin, die Chansonsängerin und die Buchautorin (gemalt und fotografiert hat sie nur privat). Wenn ein Weg durch Misserfolg oder Skandal verstellt war – beides erlebte sie in unschöner Regelmäßigkeit – suchte sie sich einen anderen. Das wirkt vollkommen aktuell; in ihrer Modernität war sie für den Zeitgeist oft eine Überforderung. Für ein heutiges Publikum ist sie gerade deshalb eine spannende Entdeckung oder Wieder-Entdeckung.

Auch mediengeschichtlich ist ihre Biografie interessant. Als erster deutscher Nachkriegs-Filmstar war sie wie später Romy Schneider Projektionsfläche, litt darunter und lieferte sich dem auch aus. Der Film zeigt sie in vielen Sequenzen in einer Offenheit, die in der glattgebügelten Öffentlichkeit von heute undenkbar wäre, ebenso wie die Intensität der Shitstorms, denen sie ausgesetzt war.

Susanne Stern

Details

Originaltitel: Ich will alles – Hildegard Knef
Deutschland 2025, 98 min
Sprache: Deutsch
Genre: Biografie, Dokumentarfilm
Regie: Luzia Schmid
Drehbuch: Luzia Schmid
Kamera: Hajo Schomerus
Schnitt: Yana Höhnerbach
Musik: Danielle De Picciciotto, Alexander Hacke
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 03.04.2025

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