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Hedi Schneider steckt fest

Eine Angststörung und die Suche nach dem Glück

Hedi Schneider kleidet sich etwas zu bunt; sie redet etwas zu viel; sie murmelt beim Tippen im Büro vor sich hin. Hedi Schneider ist fröhlich – bis sie auf einmal eine panische Angstattacke erleidet und in eine tiefe Depression fällt. Sonja Heiss schafft mit HEDI SCHNEIDER STECKT FEST ein kleines Wunder: Eine Komödie über die chronische Krankheit einer heftigen Angststörung.

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Hedi Schneider kleidet sich etwas zu bunt; sie redet etwas zu viel; sie murmelt beim Tippen im Büro vor sich hin. Hedi Schneider ist fröhlich, auf eine etwas überdrehte Weise, aber nicht unsympathisch – wer sich an Sally Hawkins in Mike Leighs HAPPY-GO-LUCKY erinnert (und wer, der diesen Film gesehen hat, täte das nicht), der kennt diesen Typ Mensch. Hedi ist witzig, sie spielt mit ihrem Sohn Steinzeitmenschen, als gäb’s nichts anderes auf der Welt. Mit ihrem Mann pflegt sie liebevoll-ironischen Umgang, mit kleinen Witzchen, die auf Innigkeit beruhen. Als sie einmal im Aufzug stecken bleibt, verwickelt sie den Servicetechniker in der Notrufzentrale in ein Gespräch über dessen Familie und bestellt noch Burger und Pommes.
Hedi Schneider ist fröhlich – an der Oberfläche. Bis sie erfährt, dass ihr Büronachbar am Vortag eine Stunde lang auf dem Fenstersims gestanden hat, dann aber doch nicht gesprungen ist. Zuhause ist erstmal alles normal: Mit dem Sohn spielt sie Ärztin; mit dem Mann treibt sie Doktorspiele, diagnostiziert mit der Zunge in seinem Mund die Krankheit, um ihm dann untenrum das Gift auszusaugen – und verfällt dann in eine nicht zu lösende Starre. Nein, kein Schlaganfall, sondern eine Panikattacke heftigster Art, völlig unerwartet. Und Hedi rutscht nicht, nein: sie fällt tief in die Depression.
Sonja Heiss schafft mit HEDI SCHNEIDER STECKT FEST ein kleines Wunder: Eine Komödie über die chronische Krankheit einer heftigen Angststörung. Sie erzählt dabei durchaus aus eigener Erfahrung – aber doch anders als nach eigenem Erleben. Erstens wäre ihr – wie sie selbst meint – ein autobiographischer Film zu nah gegangen und deshalb misslungen; zweitens ist die Verkörperung durch Laura Tonke deshalb so famos, weil die Schauspielerin ihren ganz eigenen Zugang findet. Und drittens inszeniert Heiss ihren Film nicht einfach nur als Krankheitsdiagnose, sondern als symptomatisches Beispiel für die unerfüllte, vielleicht unerfüllbare Suche nach dem Glück. Ein Thema, das schon ihr erster Spielfilm „HOTEL VERY WELCOME von 2007 ansprach, eine Komödie über Backpacker und Aussteiger, die suchen, was es vielleicht nicht gibt. Auch in HEDI SCHNEIDER STECKT FEST lockt die Ferne: Hedi selbst arbeitet in der Verwaltung eines Reiseveranstalters; ihr Mann Uli will zusammen mit seiner Familie nach Afrika gehen, für ein NGO-Projekt: wenn gar nichts mehr vorwärts und rückwärts geht, bieten immerhin die exotischen Tiere im Zoo Trost.
HEDI SCHNEIDER STECKT FEST ist psychologisch präzise, inszenatorisch witzig und vor allem ehrlich. Die Kranke wird nicht als bemitleidenswertes Opfer gezeigt: Hedi entwickelt durchaus egozentrische Züge, wenn sie in Selbstmitleid badet, wenn sie alle Ratschläge beiseite lässt und en masse Medikamente schluckt, wenn sie ihr Leid in den Mittelpunkt ihres Lebens stellt – was einerseits verständlich ist, da es ihr wirklich, wirklich schlecht geht; und andererseits auch sehr belastend für Ehemann Uli, der nun in den Pflegemodus wechseln muss, wie auch für Sohn Finn, der seine liebende Mama vermisst. Beobachtet wird diese Situation von außen, mit einer begleitenden, aber nicht sentimental einfühlenden Kamera. Getragen wird der Film von Laura Tonke als Hedi und Hans Löw als Uli. Tonke balanciert auf einem schmalen Grat, muss ihre Krankheit glaubhaft vermitteln und zugleich das Exaltierte, das in ihrer Figur angelegt ist, in subtilen Nuancen mit einbringen. Sie changiert gekonnt zwischen Hilfebedürftigkeit, Ironie und Streitlust. Löw ist der reagierende Partner, der sich in seiner Figurenentwicklung immer wieder an Ehefrau Hedi reiben muss, der immer wieder seinen Standpunkt neu justieren und doch stets menschlich bleiben muss.
Und irgendwo zwischen dem Tablettenrausch der Glücks-Antidepressiva, dem nächsten Streit, der in der Küche vom Zaun gebrochen wird, den kleinen Hochs und großen Tiefs der Seelenkrankheit, irgendwo in dieser auseinanderdriftenden Familie, die sich verzweifelt nach Gemeinschaft und Glück sehnt: Irgendwo darin liegt, vielleicht, ein Neuanfang.

Harald Mühlbeyer

Details

Deutschland/Norwegen 2015, 90 min
Genre: Drama
Regie: Sonja Heiss
Drehbuch: Sonja Heiss
Kamera: Nikolai von Graevenitz
Schnitt: Andreas Wodraschke
Musik: Lambert
Verleih: Pandora Filmverleih
Darsteller: Laura Tonke, Hans Löw, Leander Nitsche
FSK: 12
Kinostart: 07.05.2015

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