
Neue Notiz
Formen moderner Erschöpfung
In der Kuranstalt
Hauptfigur des Films ist das Sanatorium Dr. Barner im Harz. Unter anderem kamen hier Paul Klee, Frida von Uslar-Gleichen und Hans-Erich Nossack zur Ruhe – deren Briefe aus der Kuranstalt immer wieder auf der Tonspur zu hören sind.
Im letzten Sanatorium seiner Art kurieren sich seit über hundert Jahren Menschen aus, die schlichtweg erschöpft sind. Neurasthenie als Diagnose damals, heute sagt man meist schlicht Burnout. So auch Nina, eine erfolgreiche Managerin in einer Werbeagentur, und der Sozialarbeiter Henri. Die beiden aus unterschiedlicher Realität Entfliehenden durchlaufen verschiedene Stationen: von der angeleiteten Meditation über Massage und Schwimmen bis hin zur Gesprächs- und Kunsttherapie. Mit Ruhe und Entschleunigung sollen die von der Leistungsgesellschaft nach kapitalistischer Logik ausgebrannten Protagonist*innen Entlastung finden. Gerahmt werden diese Abläufe von einer Historikerin, die im Hausarchiv zu moderner Erschöpfungsgeschichte forscht. Die eigentliche Hauptfigur des Films ist dabei der Ort selbst, das Sanatorium Dr. Barner im Harz. Unter anderem kamen hier Paul Klee, Frida von Uslar-Gleichen und Hans-Erich Nossack zur Ruhe – deren Briefe aus der Kuranstalt immer wieder auf der Tonspur zu hören sind. Die Kamera kadriert dabei regelmäßig den Hausflur, den Speisesaal, das Damenzimmer oder schlicht die Tapete. So erzeugt Regisseur Sascha Hilpert bei seinem Porträt über diesen eigenartigen Ort einen gewissen Verlust des Zeitempfindens. Dem dokumentarischen Spielfilm (die fiktiven Figuren treffen auf die realen Therapeut*innen und Pfleger*innen des Sanatoriums) gelingt die Gratwanderung zwischen einem peinlich-berührten Empfinden den Methoden gegenüber und der pragmatischen Ansicht „Wenn’s denn hilft“ dabei erstaunlich gut. Dass das „Zeitalter der Erschöpfung“, so ein Buchtitel auf dem Stapel der Historikerin, einen systemischen Hintergrund hat, und nicht die Folge von Eigenschaften der Betroffenen ist, wird dagegen leider etwas ungelenk über die Dialogebene thematisiert.
Deutschland 2024, 118 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama
Regie: Sascha Hilpert
Drehbuch: Sascha Hilpert, Martin Rosefeldt
Kamera: Dirk Lütter
Schnitt: Janina Herhoffer
Verleih: Real Fiction
Darsteller: Birgit Unterweger, Rafael Stachowiak, Wolf List, Sarah Bernhardt
Kinostart: 13.11.2025
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