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Final Account

Das Achselzucken der Täter*innen

Der britische Dokumentarfilmemacher Luke Holland hat seit 2008 zahlreiche Gespräche mit den letzten Überlebenden der Nazi-Täter-Generation geführt.

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„Es gibt Monster, aber es sind zu wenige, um wirklich gefährlich zu werden. Gefährlicher sind die Durchschnittsmenschen, die Funktionäre, die bereit sind, ohne Fragen zu stellen, zu glauben und zu handeln.“

Der Satz des Holocaust-Überlebenden und Schriftstellers Primo Levi steht dem Dokumentarfilm FINAL ACCOUNT des Briten Luke Holland voran. Der britische Dokumentarfilmemacher hat seit 2008 zahlreiche Gespräche mit den letzten Überlebenden der Nazi-Täter-Generation geführt. Sie waren 1933 noch Kinder, alle durchliefen die Stationen der Nazi-Erziehungsorganisationen. Zur „Reichskristallnacht“ schlossen die Schulen, weil die Kinder sich das ansehen sollten. Die Männer wurden später Mitglieder der SS, einige dienten als KZ-Wächter. Die Frauen durchliefen die Mädchenorganisationen, eine arbeitete als Buchhalterin in einem Zwangsarbeiterlager. Sie singen, getrennt, aber alle mit dem gleichen Achselzucken, das alte Lied „Wetzt die langen Messer, dass sie gehen besser in den Judenleib hinein“. Das Achselzucken ist die typische Geste dieser Generation. Sie alle behaupten, sie hätten nichts gewusst, sich nichts gedacht, sie hätten ja nichts machen können. Der SS-Mann Karl Hollander ehrt bis heute Hitler, für den SS-Mann Herman Knoth war die SS die Elite der Gesellschaft, „nicht nur physisch, auch geistig“. Die Frauen winken ab, sie haben damit nichts zu tun gehabt, nichts gewusst.

Die Nachbarin im Altersheim sagt: Natürlich haben sie alles gewusst, die sind doch durchs Dorf zur Arbeit gelaufen, wenn sie noch laufen konnten. Es hat doch gestunken, wenn sie die Leichen verbrannt haben. Nur wenige, wie Hans Wierck, schämen sich aufrichtig und geben zu, dass alle Bescheid gewusst hätten, was in den Lagern geschah, was mit den Nachbarn geschah. Die Beiläufigkeit, mit der die Männer und Frauen über gesehene und eigene Verbrechen berichten, ist zum Verzweifeln. Heinrich Schulze zeigt, wo sich die aus dem KZ Entflohenen auf seinem Hof versteckt hatten, die er selbst an die SS ausgeliefert hatte, als sie aus Hunger das Versteck verließen. Was mit ihnen geschehen sei: „Das weiß man nicht.“ Achselzucken. Die Verrohung in der Gleichgültigkeit.

Hans Wierk spricht gegen Ende des Films im Haus der Wannseekonferenz mit einer Schulklasse und wird von einem jungen Neonazi, der sein Gesicht nicht zeigen will, beschimpft, weil Wierk sagt, er habe einer Verbrecherorganisation angehört. Ihm stehen die Tränen in den Augen, er bettelt fast: „Lasst euch nicht verführen!“. Es scheint bei seinen Zuhörer*innen zu verhallen. Die Unmenschlichkeit gedeiht in Deutschland weiter prächtig.

Während es in den achtziger Jahren auch einige deutsche Filme über die deutschen Täter gab – vor allem Thomas Harlans WUNDKANAL und UNSER NAZI – scheint das Interesse deutscher Filmemacher am Thema erschöpft zu sein. Im Rest der Welt hat FINAL ACCOUNT ziemliche Wogen geschlagen. Der Filmemacher Luke Holland ist 2021 gestorben. Der Film ist seinen ermordeten Großeltern gewidmet.

Tom Dorow

Details

USA/Großbritannien 2020, 94 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Luke Holland
Kamera: Luke Holland
Schnitt: Stefan Ronowicz
Verleih: Universal Pictures
Kinostart: 28.04.2022

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USA/Großbritannien 2020 | Dokumentarfilm | R: Luke Holland

Der britische Dokumentarfilmemacher Luke Holland hat seit 2008 zahlreiche Gespräche mit den letzten Überlebenden der Nazi-Täter-Generation geführt.

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