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Feuerwerk am helllichten Tage

Atmosphärischer Film Noir

Eine winterliche Provinzstadt. Ein grausamer Leichenfund. Ein unangenehmer Kommissar. Der Berlinale-Gewinner 2014 ist ein atmosphärischer Thriller in der Tradition des Film Noir.

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Schon lange nicht mehr sind so aufregende chinesische Filme ins Kino gekommen. Nach dem epischen, grandiosen A TOUCH OF SIN, der in Cannes den Preis für das beste Drehbuch gewann, nun der Berlinale Gewinner FEUERWERK AM HELLICHTEN TAGE. Während A TOUCH OF SIN an den Hürden der chinesischen Zensur scheiterte, wird FEUERWERK AM HELLICHTEN TAGE mit einigen Zensureingriffen auch in China gezeigt werden. Regisseur Diao Yinan bedient sich eines Mittels, mit dem schon in den 30er und 40er Jahren in den USA politische Zensur umgangen werden konnte: Er erzählt einen Film Noir, eine Mordgeschichte, die so fesselnd ist, dass ihre Sprengkraft von Zensoren, die noch damit beschäftigt sind, sich die Geschichte zu erklären, leicht übersehen werden kann. Wieviel gesellschaftliche Realität in den komplexen Film einfließt, wird erst mit einiger Distanz klar.
Kommissar Zhang Zili ist kein angenehmer Typ. Als seine Frau ihm die Scheidungspapiere überreicht, wird er gewalttätig. Er leitet aber die Ermittlungen, als in einem Kohlerevier Leichenteile gefunden werden. Beim Versuch, die Mordverdächtigen festzunehmen, gibt es eine Schießerei, bei der zwei Polizisten und alle Verdächtigen sterben. Zhang wird schwer verletzt. Fünf Jahre später ist Zhang ein einsamer Säufer geworden, der Gefahr läuft seinen Job als Wachmann zu verlieren. Sein Motorrad wird ihm gestohlen, als er besoffen am Straßenrand liegt. Von nun an gurkt Zhang auf einem Mofa, das der Dieb neben ihm stehen gelassen hat, durch die winterliche Provinzstadt. Zhang wird erst allmählich wieder nüchterner, als ihm ein ehemaliger Kollege erzählt, dass wieder Leichenteile gefunden wurden. Beide Morde scheinen in Verbindung mit der geheimnisvollen Wu Zhizhen zu stehen, die in einer chemischen Reinigung arbeitet.
Diaos Film zeigt eine kalte Welt. Sein Personal friert ganz real, aber es frösteln auch die Beziehungen im Kohlerevier. In den Fabriken kennen sich die Kollegen kaum. Es wird betrogen, wo es geht. Die Arbeitsbedingungen sind lebensgefährlich. Aber auch in den Geschlechterbeziehungen knirscht der Frost: Zhangs Annäherungen sehen aus wie Vergewaltigungen, Ehen sind Gefängnisse, Liebe ist bestenfalls ein Arrangement, schlimmstenfalls tödlicher Zwang. Das Personal des Film Noir ist zwar vorhanden: Der zynische Detektiv, die Femme fatale, der nicht ganz durchblickende Polizist und ein komplizierter Plot. Aber in den Außenaufnahmen fehlt jeder Glamour. Die chinesische Realität sickert zu tief ein. Innenräume sind zwar in wilden Farben ausgeleuchtet, aber sie wirken wie das dicke Make-Up, das Marlene Dietrich in Orson Welles TOUCH OF EVIL trägt: eine schäbige Maskerade für den ersten Blick. Diao inszeniert die Orte, die der Flucht aus dem Alltag dienen, einen Ballsaal und einen Schlittschuhring als Orte, an denen romantische Beziehungen gerade noch möglich erscheinen. Vor allem aber sind es Orte, an denen ganz real geflüchtet wird. Begegnungen können hier lebensgefährlich sein. Die Kabel, die das Glitzerlicht erst leuchten lassen, hängen an der Wand des Ballsaals, der damit sein Wesen als Schuppen enthüllt. Gwei Lun Mei als Wu Zhizhen ist eine melancholischere und einsamere Femme fatale, als es Veronica Lake je war. Wenn sie vor der chemischen Reinigung die vermeintliche Asche ihres Ehemanns am Straßenrand verscharrt, ist das zunächst kein Indiz für ihre Verstrickung. Ein besseres Begräbnis kann sie sich nicht leisten.
FEUERWERK AM HELLICHTEN TAG ist kein offen politischer Film, wie es A TOUCH OF SIN mit seinem wütenden Arbeiter als Rachegott, seiner verzweifelten Empfangsdame im Bordell und dem jungen Mann, der überall nach Arbeit suchte, ist. Diao zeigt keinen Zorn auf unterdrückerische Verhältnisse. Emotionen zeigen sich im Schweigen, im Zynismus einer Barbesitzerin, in einer alltäglichen Brutalität, in einem Feuerwerk, dessen Lichtfontänen im Wintersonnenlicht kaum zu erkennen sind. Aber immerhin werden sie abgeschossen.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Bai ri yan huo
China 2014, 106 min
Sprache: Chinesisch
Genre: Drama, Krimi, Mysterie
Regie: Diao Yinan
Drehbuch: Diao Yinan
Kamera: Dong Jingsong
Schnitt: Yang Hongyu
Musik: Wen Zi
Verleih: Weltkino Filmverleih
Darsteller: Wang Jingchun, Liao Fan, Gwei Lun Mei, Wang Xuebing, Yu Ailei
FSK: 16
Kinostart: 24.07.2014

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