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INDIEKINO BERLIN: Filmkritik Directions – Geschichten einer Nacht
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Directions – Geschichten einer Nacht

Im Taxi durch Sofia

Wie NIGHT ON EARTH von Jim Jarmusch oder Jafar Panahis TAXI TEHERAN zeichnet DIRECTIONS anhand verschiedener Taxifahrten durchs nächtliche Sofia ein kritisches Gesellschaftsbild.

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„Gott hat dieses Land verlassen, und mit ihm ging ein Drittel der Bevölkerung,“ meint ein Mann, der mit einem der insgesamt sechs Taxifahrer*innen aus diesem Episodendrama durch die Nacht der bulgarischen Hauptstadt Sofia fährt. Unter Armut, Korruption und Gewalt im postkommunistischen Bulgarien ächzt auch der Familienvater und Geschäftemacher Misho (Vassil Vassilev), der sich ein Zubrot als Taxifahrer verdient. Als sein Bankberater zu viel Schmiergeld für einen Kredit verlangt, erschießt Misho den Mann und will sich anschließend selbst töten. Nach dem hektischen Auftakt wechseln Stephan Komandarev (HUNDEPENSION) und sein Co-Autor Simeon Ventsislavov (ÁGA) die Perspektive. Wie NIGHT ON EARTH von Jim Jarmusch oder Jafar Panahis TAXI TEHERAN zeichnet DIRECTIONS anhand verschiedener Taxifahrten ein kritisches Gesellschaftsbild. Der Stil wirkt mit wenigen Schnitten, dem Verzicht auf Musik und den hemdsärmelig vom Beifahrersitz und der Rückbank aus gefilmten Digitalbildern sehr unmittelbar, teils dokumentarisch. Das Nachspiel von Mishos Verzweiflungstat erfahren wir aus einer Radioshow, wo eine Debatte ihn zum Aufmucker gegen „die da oben“ stilisiert. Die Sendung hören auch fünf weitere Taxifahrer*innen während ihrer jeweils schicksalshaften Nachtschicht. Da gibt es etwa einen trauernden Vater, dem keiner zuhört, einen jobbenden Priester und eine minderjährige Prostituierte. Manche der lose verbundenen Parallelstories setzten auf Situationskomik, bei anderen lugt aus dem schwarzen Humor eine tiefe Depression hervor. Eindringlich fällt die Episode um Rada (Irini Jambonas) aus, die einen Politiker wiedertrifft, der einst ihr Studium in Rom verhinderte, weil sie keinen Sex mit ihm wollte. Die einzelnen Geschichten gehen auf Gespräche mit echten Taxifahrer*innen zurück und leben von der natürlichen Dynamik zwischen den rasch skizzierten Figuren.

Christian Horn

Details

Originaltitel: Posoki
Bulgarien/Deutschland 2017, 103 min
Genre: Drama
Regie: Stephan Komandarev
Drehbuch: Stephan Komandarev, Simeon Ventsislavov
Kamera: Vesselin Hristov
Verleih: Krokodil
Darsteller: Assen Blatechki, Vasil Banov, Ivan Barnev, Stefan Denolyubov
Kinostart: 03.05.2018

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