
Neue Notiz
Die Stimme von Hind Rajab
Dokument im Zentrum
Am 29. Januar 2024 wird in Gaza-Stadt ein Auto beschossen. Ein Mädchen überlebt und telefoniert über Stunden mit den hilflosen Rettungskräften. Kaouther Ben Hania hat die Tonaufzeichnung mit Spielszenen in der Notfallzentrale des Roten Halbmonds ergänzt.
Am 29. Januar 2024 erreicht die Mitarbeiter*innen in der Notrufzentrale des Roten Halbmonds in Ramallah im Westjordanland ein Anruf. In Gaza-Stadt sei ein Auto von der israelischen Armee beschossen worden, die Insassen bräuchten Hilfe. Omar (Motaz Malhees) nimmt per Telefon Kontakt zu dem beschossenen Auto auf und erreicht ein sechsjähriges Mädchen, Hind Rajab. Im Gespräch stellt sich nach und nach heraus, dass das Kind die einzige Überlebende ist. Während Omar und seine Kolleginnen Rana (Saja Kilani) und Nisreen (Clara Khoury) per Telefon Kontakt zu Hind halten, koordiniert Mahdi (Amer Hlehel) die Rettungsorganisation. Ein Krankenwagen befindet sich in unmittelbarer Nähe, aber bis eine sichere Route von den israelischen Behörden freigegeben ist, vergehen Stunden. Der Krankenwagen wird dennoch vom israelischen Militär beschossen, und weder Hind noch die beiden Sanitäter überleben.
In ihrem Film verwendet Kaouther Ben Hania, die bereits in OLFAS TÖCHTER mit einer Mischung aus dokumentarischem Material und Spielszenen gearbeitet hat, die realen Tonaufzeichnungen des erschütternden Telefongesprächs zwischen Hind und dem Rettungsteam und inszeniert die Vorgänge in der Notfallzentrale als Spielszenen. Während Hind immer wieder darum bittet, dass sie jemand abholt, und die Mitarbeiter*innen am Telefon verzweifelt nach Gesprächsstoff suchen, um ihr Trost und Ablenkung zu spenden, geraten im Hintergrund Omar und Mahdi aneinander. Omar möchte die Kollegen im Rettungswagen direkt losschicken, und die Absprache mit dem israelischen Innenministerium und Militär grenzt für ihn an Kollaboration, Mahdi beharrt auf dem empörend langsamen offiziellen Weg, um die Rettungskräfte nicht zu gefährden. Über seinem Schreibtisch hängen die Fotos der Sanitäter, die bereits im Einsatz getötet wurden.
Ben Hania siedelt den gesamten Film in der Zentrale an und nutzt die Interaktionen der Helfer*innen zum einen, um von der Situation der hilflosen Beobachter*innen zu erzählen, und zum anderen, um Hintergrundinformationen zum Geschehen zu liefern. So erläutert Mahdi für Omar, dem diese Tatsache sicher bekannt ist, wie die Genehmigungsschleife funktioniert, die durchlaufen werden muss, bevor der Krankenwagen sich auf den Weg machen kann. Wenn Hind spricht, sind dagegen nur die Ausschläge der Aussteuerungsanzeige zu sehen.
Das Nebeneinander von realen und fiktionalen Elementen in DIE STIMME VON HIND RAJAB ist unbehaglich. Der emotionalen Wirkung von Hind Rajabs Stimme kann und soll man sich nicht entziehen, und die Frage drängt sich auf, ob die Verwendung des Materials respektlos gegenüber der Verstorbenen ist, die ihre Einwilligung nicht mehr geben kann, oder auch manipulativ gegenüber den Zuschauenden. Ben Hania erzählt im Interview – das ihr in ganzer Länge auf indiekino.de lesen könnt –, dass sie diese Fragen intensiv beschäftigt haben und letztendlich der Wunsch der Mutter, die Welt möge die Stimme ihrer Tochter hören, den Ausschlag gegeben hat. Die Inszenierung Ben Hanias trägt diesem Wunsch Rechnung. Zu keinem Zeitpunkt sind das Mädchen oder die Kriegsszenerie Teil des Reenactments, und auch wenn die fiktionalen Szenen mehr Zeit einnehmen, so steht die reale Tonaufzeichnung im Mittelpunkt des Films. Der fiktionale Rahmen steht ganz im Dienst eines Anliegens: Ben Hania verlangt von den Zuschauer*innen, dass sie das Dokument im Zentrum wahrnehmen und Hind Rajab zuhören.
Originaltitel: Sawt Hind Rajab
Tunesien/Frankreich 2025, 89 min
Genre: Drama
Regie: Kaouther Ben Hania
Drehbuch: Kaouther Ben Hania
Kamera: Juan Sarmiento G.
Schnitt: Qutaiba Barhamji, Maxime Mathis, Kaouther Ben Hania
Musik: Amine Bouhafa
Verleih: STUDIOCANAL
Darsteller: Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel
Kinostart: 22.01.2026
Interview
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Die Stimme von Hind Rajab
(Sawt Hind Rajab) | Tunesien/Frankreich 2025 | Drama | R: Kaouther Ben Hania | Interview
Am 29. Januar 2024 wird in Gaza-Stadt ein Auto beschossen. Ein Mädchen überlebt und telefoniert über Stunden mit den hilflosen Rettungskräften. Kaouther Ben Hania hat die Tonaufzeichnung mit Spielszenen in der Notfallzentrale des Roten Halbmonds ergänzt.
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