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Die Moskauer Prozesse

Wegen religionskritischer Ausstellungen gab es in Russland Gerichtsprozesse, wegen der Proteste der Punkband "Pussy Riot" ebenfalls. Filmemacher Milo Rau hat die Beklagten eingeladen, ihre eigenen Prozesse neu zu verhandeln.

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Das, was da im kargen Anbau des Sacharow-Zentrums stattfindet ist keine Gerichtsverhandlung, auch wenn es so aussieht: Dort sitzen sich Anklage, Verteidigung, Richter und Jury auf Bänken gegenüber, sogar das Besucherpodium ist mit Zuschauern gefüllt. Nach und nach werden Zeugen aufgerufen und schildern ihre Sicht der Begebenheiten. Doch das, was sich da unter Ausschluss der russischen Öffentlichkeit abspielt ist inszeniert, zumindest was den äußeren Rahmen angeht.
Regisseur Milo Rau hat sich einen zentralen Ort für seine Performance ausgesucht, hier nahmen zehn Jahre zuvor die Ereignisse ihren Lauf, die er im Frühjahr 2013 unter dem Titel „Moskauer Prozesse“ neu verhandeln lässt. Hier fanden die Ausstellungen „Vorsicht! Religion“ und „Verbotene Kunst“ statt, denen vorgeworfen wurde die Gefühle der orthodoxen Gläubigen verletzt zu haben, und die zu Ausschreitungen und Schauprozessen führten, bei denen Künstler und Kuratoren schuldig gesprochen wurden. Für noch größeres Aufsehen sorgte 2012 das Verfahren gegen die Punkband Pussy Riot, die mit ihrem „Punkgebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale die Verflechtungen von Staat und orthodoxer Kirche anprangerte und weltweite Proteste gegen Putin und Solidaritätsbekundungen für Kunst- und Meinungsfreiheit heraufbeschworen hatte. „Mit diesen drei Prozessen endete das demokratische Russland“ fasst Rau die Ausgangslage zusammen, die ihn dazu veranlasste, die Gerichtsverhandlungen am Ort des Geschehens und mit zahlreichen Beteiligten – aber unter anderen Vorzeichen – aufzuführen, und zu simulieren, wie sie hätten ausgehen können, wenn sie tatsächlich nach den rechtsstaatlichen Standards des Landes abgelaufen wären, wenn den Zeugen und Experten der Verteidigung Gehör geschenkt worden wäre.

Für sein Rollenspiel hat der Regisseur entscheidende Akteure der Prozesse als Teilnehmer gewinnen können. Vor der Jury stehen sich Anna Stavickaja, die Anwältin der Prozesse von 2003 und 2006 und Journalist Maxim Schewtschenko, gegenüber, der als Traditionalist die historische Einheit von Kirche und Staat postuliert und sich eigentlich in der Verteidigerrolle sieht, wenn er sagt: „Es wird ein Krieg gegen die Kirche geführt.“ Neben den Künstlern und Kuratoren der Ausstellungen wird auch Katja Samuzewitsch als Zeugin aufgerufen, die als einziges Pussy-Riot-Mitglied dem Straflager mit einer Bewährungsstrafe entgehen konnte.
Es ist ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Weltanschauungen, der hier ausgetragen wird. „Russland hat sich an die Extreme gewöhnt“ stellt auch der Künstler Dmitri Gutow fest. Das wird in Raus Kunstprozess einmal mehr verdeutlicht, als schließlich auch diese Veranstaltung von der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit des Landes eingeholt wird und der Prozess durch angebliche Mitarbeiter der Migrationsbehörde unterbrochen wird – eine gezielte Störaktion, da sind sich die Teilnehmer beider Seiten schnell einig. Kurze Zeit später stehen Mitglieder der ultraorthodoxen Vereinigung der Kosaken vor dem Gebäude, besorgt um vermeintliche antireligiöse Propaganda. Das abgeschirmte Kunstprojekt wird schließlich also doch zum Teil des öffentlichen Diskurses.

Das Dokumentartheater ist als Aufklärungsinstrument erprobt, aber Rau geht mit seiner Version über das hinaus, was Autor und Filmemacher Peter Weiss als Nachzeichnung des vorhandenen „Wirklichkeitsmaterials“ bezeichnet hat. Rau schafft eine virtuelle Parallelwelt, die in ihrer Divergenz zu dem tatsächlich Stattgefunden nicht nur die Unzulänglichkeiten und Mängel der realen Prozesse offenlegt, sondern auch einen unhysterischen Blick auf die Argumente und Befindlichkeiten der Kunstgegner ermöglicht. So gestattet er eine greifbare Reflektion der oftmals vorurteilsbehafteten Sicht des Westens auf die komplexe Lage Russlands.

Jens Mayer

Details

D 2013, 89 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Milo Rau
Drehbuch: Milo Rau
Verleih: Real Fiction
FSK: 6
Kinostart: 20.03.2014

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