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Die Möllner Briefe

Verschollene Solidarität

1992 verüben Nazis einen Brandanschlag auf zwei Wohnhäuser in Mölln. Die Stadt Mölln hat tausende Briefe – Beileids- und Solidaritätsbekundungen an die Überlebenden – 27 Jahre lang nicht an die Adressaten weitergeleitet.

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1992 verüben Nazis einen Brandanschlag auf zwei Wohnhäuser in Mölln. Ibrahim Arslan ist sieben Jahre alt, als ihn seine Großmutter Bahide Arslan vor dem Feuer rettet – sie selbst, seine ältere Schwester Yeliz Arslan und seine Cousine Ayşe Yılmaz kommen ums Leben. Bis heute verfolgen ihn die traumatischen Erinnerungen. Auch seinen jüngeren Bruder Namik, der damals ein Baby war, und die nach der Tat geborene Schwester Yeliz begleitet das Trauma bei jedem Schritt.
Zum 30. Gedenktag organisieren sie eine eigene Gedenkveranstaltung – „an der der Stadt nehmen wir nicht teil“. Denn die Stadt Mölln hat sich den Opfern gegenüber nachträglich schuldig gemacht, und bis heute müssen sie darum kämpfen, gesehen und gehört zu werden. Tausende Briefe – Beileids- und Solidaritätsbekundungen an die Überlebenden – lagen 27 Jahre lang im Stadtarchiv. Alle wurden geöffnet, keiner kam bei den Adressaten an. „Unser Eigentum“, sagt Ibrahim Arslan. Der Dokumentarfilm DIE MÖLLNER BRIEFE begleitet ihn dabei, wie er die Stadt mit ihren Fehlern konfrontiert, um Aufklärung kämpft und Urheber*innen der Schreiben aufsucht.
Struktureller Rassismus hat nach der eigentlichen Tat bei den Überlebenden zu weiteren Verletzungen geführt. Regisseurin Martina Priessner gibt den Zuschauer*innen einen Einblick in ein hoch komplexes Geflecht aus Trauer, Angst, Wut und Liebe, in dem die Kinder der Familie Arslan aufwuchsen. Sie zeigt auch, wie das neu gegründete Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMID) in Köln sich der Briefe annimmt. Sorgsam, respektvoll und in enger Absprache mit den Betroffenen kümmern sich dessen Mitarbeitende um die Zeitzeugnisse, die tief in die deutsche Seele blicken lassen. Mit einem ganz ähnlichen Ethos befasst sich DIE MÖLLNER BRIEFE mit den Folgen der rechtsextremen Gewalttat.

Eva Szulkowski

Details

Originaltitel: Die Möllner-Briefe – The Mölln Letters
Deutschland 2025, 96 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Martina Priessner
Drehbuch: Martina Priessner
Kamera: Ayse Alacakaptan
Schnitt: Maja Tennstedt
Verleih: Real Fiction
Darsteller: Hava Arslan, Ibrahim Arslan, Namik Arslan
Kinostart: 25.09.2025

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