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Die Florence Foster Jenkins Story

Scheitern als Schönheit

Ralf Pleger, der in den letzten fünfzehn Jahren schon zahlreiche Musikdokumentarfilme gedreht hat, macht aus seinem semi-dokumentarischen Film THE FLORENCE FOSTER JENKINS STORY eine Art Einführung in die Camp-Ästhetik. Opernstar Joyce DiDonato übernimmt die Hauptrolle der "schlechtesten Sängerin der Welt".

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Nachdem der französische Film MADAME MARGUERITE UND DIE KUNST DER SCHIEFEN TÖNE im letzten Jahr die Geschichte von Florence Foster Jenkins in das Europa der beginnenden Moderne verlegt hatte, starten im Oktober nun gleich zwei weitere Filme über die „schlechteste Sängerin aller Zeiten“. Filme über historische Personen und Ereignisse sind immer Filme über die Befindlichkeit unserer Gegenwart. Wenn innerhalb von nicht einmal einem Jahr gleich drei Filme die Geschichte von der „schlechtesten Sängerin aller Zeiten“ erzählen, stellt sich die Frage, was die Gegenwart von der exzentrischen Erbin und ihrem Publikum will.

Florence Foster Jenkins (*1868, †1944) oder Lady Florence, wie sie sich gern nennen ließ, war die Erbin eines reichen Juristen und Bankiers. Als Kind war Lady Florence offenbar sehr musikalisch und trat als Piano-Protegé sogar im Weißen Haus auf, aber nachdem eine Syphilis-Erkrankung ihr Nervensystem geschädigt hatte, konnte sie nicht mehr Klavier spielen und verfolgte schließlich unter dem Management ihres Ehemanns St Clair Bayfield eine Gesangskarriere. In Auftritten vor dem von ihr gegründeten „Verdi-Club“ erschien sie in opulenten Tableaux vivants und sang so schlecht, dass sich ihr Ruf schnell verbreitete. Mit 76 Jahren mietete Lady Florence die Carnegie Hall und gab ein ausverkauftes Konzert, das einerseits – neben ihren katastrophalen Plattenaufnahmen – ihren ewigen Ruhm begründete, andererseits so vernichtende Kritiken erhielt, dass Jenkins kurz darauf an einem Herzanfall verstarb.

MADAME MARGUERITE interessierte sich vor allem für die Sensibilität des Publikums. Für die heutige Medienwelt steht hier die Zwischenkriegszeit der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts ein, als die Idee der Avantgarde die Kunstwelt zu beherrschen beginnt, und neue Ausdrucksformen für eine neue Form des Bewusstseins gesucht werden. Die Kunstwelt mitsamt ihren Kritikern und Speichelleckern kommt nicht gut weg: Ihre Sensationsgier treibt Madame Marguerite schließlich in den Tod. MADAME MARGUERITE sah das Interesse an Florence Foster Jenkins als ein ganz und gar spekulatives, dessen Obszönität nur durch den Verweis auf die Traumatisierung der Kriegsgeneration eine vage Erklärung erfährt.

Die beiden Filme, die jetzt ins Kino kommen, lieben ihre Hauptfigur wesentlich mehr und sind Lady Florences Publikum gegenüber gnädiger. Ralf Pleger, der in den letzten fünfzehn Jahren schon zahlreiche Musikdokumentarfilme gedreht hat, macht aus seinem semi-dokumentarischen Film THE FLORENCE FOSTER JENKINS STORY eine Art Einführung in die Camp-Ästhetik. Susan Sonntags epochaler Aufsatz „Notes on Camp“ liefert nicht nur die Grundlage zum Verständnis der Faszination, die Florence Foster Jenkins immer noch entgegen gebracht wird, sondern auch für den Look des Films selbst. Die echte Operndiva Joyce DiDonato spielt Florence in Szenen, die von rosa bemalten nackten Männerkörpern, Blumen, Rüschen, wallenden Gewändern, Kunstschnee, goldenen Engelsflügeln und ähnlichem Kokolores überquellen. Camp ist die Sensibilität, die das Scheitern eines ernstgemeinten Kunstversuchs als Schönheit erkennt, es die Vorliebe für den Überschuss an Gefühl, Brimborium und Klimbim, für den Kitsch, der sich so bedeutend gibt, dass er nicht einfach nur lächerlich ist. Dem Camp wohnt eine tragische, liebende Komponente inne, was ihn vom schenkelklopfenden „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“-Amüsement unterscheidet. Camp kann auch das Herabsinken ins Profane von Dingen sein, die einmal als große Kunst galten: man kann traditionelle Opern- und Ballett-Aufführungen, selbst gelungene, problemlos als Camp sehen. Die schönsten Szenen in THE FLORENCE FOSTER JENKINS STORY sind dann auch die, in denen Joyce DiDonato im Wechsel das singt, was Florence Foster Jenkins zu singen glaubte – die perfekte Arie – und dann versucht, Jenkins gescheiterten Gesang nachzuempfinden. Das gelingt DiDonato allerdings nicht so gut wie Meryl Streep in Stephen Frears Film. Ihr Mezzosopran bleibt eine kraftvolle Stimme, und ihre Musikalität lässt sich auch nicht völlig verleugnen.

Stephen Frears FLORENCE FOSTER JENKINS ist natürlich die größte Produktion der drei Filme. Frears ist ein Regie-Großmeister, mit MY BEAUTIFUL LAUNDRETTE und PRICK UP YOUR EARS war er einer der Begründer des modernen queeren Kinos, und er hat mit Meryl Streep die bestmögliche Besetzung für die Hauptrolle. Frears interessiert sich am meisten für die private Tragödie der Florence, die von Meryl Streep mit dem üblichen Schmackes und offensichtlich mit großem Spaß gespielt wird. Streep macht aus den Gesangsnummern eine halsbrecherische Klamauk-Nummer, gibt der Gesellschaftsdame Foster Jenkins aber auch eine zerbrechliche Würde. Ihre Florence ist vor allem ein Opfer ihrer Erkrankung und der gefährlichen Therapie, mit der Syphilis vor der Entdeckung des Penicillins behandelt wurde. In Frears Film sind Parallelen zu den Verwüstungen, die die AIDS-Epidemie angerichtet hat, offensichtlich. Seine Florence ist eine Frau, die sich durch eine komplexe Inszenierung vor den Erschütterungen schützt, die ihr körperlicher und seelischer Verfall mit sich bringen. „Sie lebt in einer sehr glücklichen Welt“, sagt St Clair Bayfield einmal, der hier als ein loyaler Beschützer erscheint. Das Publikum beim legendären Konzert in der Carnegie Hall amüsiert sich zwar auch über den schiefen Gesang, vor allem aber jubelt es der Selbstbehauptung des schrägen Gesangsstars zu. Frears Film ist eine feministische Tragikomödie, bei der Lady Florence das letzte Wort hat: „Sie können zwar sagen, dass ich nicht singen konnte, aber niemand kann sagen, dass ich nicht gesungen hätte.“

Tom Dorow

Details

Originaltitel: The Florence Foster Jenkins Story
Deutschland 2016, 93 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Ralf Pleger
Drehbuch: Ralf Pleger
Kamera: Christopher Valentien
Verleih: SALZGEBER
Darsteller: Joyce DiDonato, Adam Benzwi, Jan Rekeszus
FSK: oA
Kinostart: 10.11.2016

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