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Der Wert des Menschen

Allerhöchste Schauspielkunst

Mit 51 Jahren verliert Thierry seinen Job als Maschinenprogrammierer. DER WERT DES MENSCHEN erzählt seine Jobsuche als herzzerreissende Passionsgeschichte. Für seine Darstellung des Thierry erhielt Vincent Lindon in Cannes 2015 die goldene Palme.

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Thierry ist 51, aber er ist einer dieser Männer, die schon immer älter ausgesehen haben, als sie sind. Permanent zieht er die Augenbrauen hoch, so dass seine Stirnfalten sich zu tiefen Sorgentälern eingegraben haben. Thierry ist ein großer, kräftiger Mann. Vielleicht wirkte er einmal tatkräftig, als er seinen Job als Maschinenprogrammierer noch hatte, aber die Firma hat vor einigen Monaten radikal Stellen gekürzt, obwohl sie rentabel war. Der Betriebsrat will die Geschäftsführung noch zur Verantwortung ziehen, aber Thierry hält nichts mehr davon. Für seine mentale Gesundheit wäre es wichtiger, nach vorn zu sehen, sagt er. Aber vorn ist bis auf weiteres nichts in Aussicht. Das Arbeitsamt hat ihm eine Umschulung zum Kranfahrer aufgedrückt, aber Kranfahrer ohne Baustellenerfahrung stellt niemand ein. Fünf verlorene Monate, sagt Thierry. Bald wird er nur noch 500 Euro vom Amt bekommen, dann kann er seine Rechnungen nicht mehr zahlen, auch nicht die 300 Euro, die die Schule seines behinderten Sohns jeden Monat kostet, für dessen Ausbildung er tut was er kann, über dessen Witze er lacht, den er wäscht und ankleidet und für den er jede Erniedrigung erträgt. Aber was kostet die Liebe zu einem Menschen? Was, wenn ein anderer Mensch, den man flüchtig kennt, darum stirbt? Was der deutsche Titel DER WERT DES MENSCHEN verrätselt, definiert der französischen Originaltitel sehr genau: LA LOI DU MARCHÉ, das Gesetz des Marktes bestimmt, mit welcher Summe ein Menschenleben zu beziffern ist.

Stéphane Brizés Film erinnert manchmal an Dietrich Brüggemanns KREUZWEG. Hier wie da sind es – mindestens in der ersten Hälfte - beispielhafte Szenen eines Passionswegs, in denen sich die Kamera bei Brüggemann gar nicht bewegt, während sie hier zwischen den Personen hin und her schwenkt. In beiden Filmen erlöst kein Schnitt aus fürchterlichen Lagen. Brizés Film ist allerdings besser durchdacht und besser gespielt, so gut, dass Hauptdarsteller Vincent Lindon in Cannes die Silberne Palme als bester Darsteller erhielt. Lindon zeigt hier allerhöchste Schauspielkunst, ohne dass er dafür emotionale Ausbrüche simulieren müsste. Ihm reicht ein Gesichtsausdruck, und dennoch sieht man, dass es in ihm denkt, man meint sogar zu ahnen, was er denkt, es zeigt sich in seiner Körperhaltung und in den zweifelnden Blicken zur Seite und von unten herauf zu denen, die glauben, über ihn urteilen zu können. Thierry ist ein Mann, der kurz vor der Explosion steht, aber er ist nicht der Typ, dem das Explodieren leicht fällt.

Wer je geglaubt hat, dass der soziale Realismus ein scheintoter Stil wäre, mag sich von diesem Film das Herz zerreißen lassen. Zwischen anderen Demütigungen auf dem Arbeitsamt oder beim Bewerbungstraining in einem Assessment Center lernt Thierry zusammen mit seiner Frau Rock’n’Roll tanzen, tapst dabei ein wenig unbeholfen aber enthusiastisch aus der Reihe und wird sofort von einem unangenehmen Tanzlehrer zurecht gewiesen. Aber später, zuhause, legt er eine Platte auf und tanzt mit seiner Frau wie es ihnen gefällt, und auf Thierrys traurigem Gesicht breitet sich ein solches Leuchten aus, dass dieser flüchtige Moment des Glücks nicht nur einen Anspruch, sondern eine Notwendigkeit formuliert: Nur im Glück kann Thierry seine Menschlichkeit voll entfalten. Wie er sich verhält, wenn sein neuer Job als Warenhausdetektiv darin besteht, Menschen ins Unglück zu stürzen, wird sich zeigen.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: La Loi du marché
Frankreich 2015, 93 min
Sprache: Französisch
Genre: Drama
Regie: Stéphane Brizé
Drehbuch: Stéphane Brizé, Olivier Gorce
Kamera: Eric Dumont
Schnitt: Anne Klotz
Verleih: Temperclayfilm
Darsteller: Vincent Lindon, Karine De Mirbeck, Matthieu Schaller
FSK: oA
Kinostart: 17.03.2016

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