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Der Masseur

Avantgarde-Adventskränze

In einer „gated community“ in Warschau befreit der zugewanderte Masseur Zhenia die Angehörigen des neuen Bürgertums durch seine Berührungen aus ihren emotionalen Käfigen.

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DER MASSEUR von Małgorzata Szumowska und Michał Englert übt eine faszinierende Sogwirkung aus: An der Oberfläche scheint alles soweit ganz einleuchtend, doch darunter schlummert wie ein Rätsel eine Erzählung über Klassen und Körper, Erinnerung und Gegenwart, Esoterik und Spiritualität, die sich nicht komplett entschlüsseln lässt. Schon dem Ort der Handlung – eine real existierende „gated community“ in Warschau – haftet etwas Außerwirkliches an. Die schneeweißen Villen des neuen Bürgertums sind so exakt angeordnet wie in einem Alptraum von Jacques Tati. Sie unterscheiden sich nur durch die unterschiedlichen Melodien ihrer Türglocken und die unterschiedlichen Avantgarde-Adventskränze an ihren Türen voneinander. Auch die Bewohner*innen hinter diesen Türen ähneln sich. Sie strahlen eine Kälte und Abgestumpftheit aus, hinter der sich Sehnsucht und Trauer verbergen. Der zugewanderte Masseur Zhenia, der aus der Ukraine in der Nähe von Tschernobyl stammt, geht hier mit seiner Klappliege aus und ein und befreit die reichen Kapitalismusopfer durch seine Berührungen aus ihren emotionalen Käfigen. Sie finden sich dann in einem imaginären Wald wieder, in dem das Sonnlicht durchs Blattwerk funkelt. Abends kehrt Zhenia wieder zurück in eins der Hochhäuser, die von der Siedlung aus am Horizont zu sehen sind wie eine ferne Galaxie. Die Bestandteile ihres Films halten Szumowska und Ko-Regisseur Englert bewusst in der Schwebe. So ist es gut möglich, dass Zhenia tatsächlich über außergewöhnliche Kräfte verfügt, andererseits ist er natürlich auch einfach das personifizierte Andere, nachdem sich die Bourgeoisie zu sehnen scheint. Auch die Perspektive auf die Siedlungsbewohner*innen scheint fließend: mal scheint es sich um eine bissige Karikatur zu handeln, mal um eine Art Gegenwarts-Sci-Fi, mal blitzt Anteilnahme auf, dann wieder Amüsement.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Śniegu już nigdy nie będzie
Polen/Deutschland 2020, 113 min
Genre: Komödie, Drama
Regie: Malgorzata Szumowska, Michal Englert
Drehbuch: Michal Englert, Malgorzata Szumowska
Kamera: Michal Englert
Schnitt: Agata Cierniak, Jaroslaw Kaminski
Verleih: Real Fiction
Darsteller: Alec Utgoff, Maja Ostaszewska, Agata Kulesza, Weronika Rosati, Katarzyna Figura
FSK: 12
Kinostart: 19.08.2021

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