
Neue Notiz
Der Magier im Kreml
Politik-Zerstörungsmaschine
Paul Dano spielt den fiktiven Putin-Berater Wadim Baranov als einen zynischen, ewigen Ex-Jungmann, der stets mit leiser, flacher Stimme spricht und aus toten Augen in die Welt blickt.
Olivier Assayas hat den Schlüsselroman DER MAGIER IM KREML von Giuliano da Empoli verfilmt. Das Schweben zwischen Fiktion (oder anderen Wahrnehmungsebenen) und Realität hat Assayas schon öfter interessiert. So politisch wie DER MAGIER IM KREML waren seine Filme aber selten. Dem wohnt eine gewisse Absurdität inne, denn die eigentliche These des Films ist das Verschwinden der Politik beziehungsweise dessen, was Habermas als deliberative Demokratie bezeichnete – eine Gesellschaft, in der politische Entscheidungen durch den Austausch von Argumenten getroffen werden.
Über ein gemeinsames Interesse an dem dystopischen Roman „Wir“ (1924) von Jewgeni Samjatin erlangt ein amerikanischer Journalist Zugang zu dem (fiktiven) ehemaligen Putin-Berater Wadim Baranow (Paul Dano), dessen Figur zum Großteil auf dem realen ehemaligen Putin-Berater Wladislaw Surkow beruht. Baranovs Erzählung beginnt in den neunziger Jahren, zur Zeit der Regierung von Boris Jelzin, der in Kürze ersetzt werden wird, durch einen den Oligarchen ebenfalls hörigen Präsidenten.
Baranow ist Avantgarde-Theaterregisseur und inszeniert „Wir“ als Bühnenstück. Ein ehemaliger Kommilitone und Ex-Bohemien, der mit krummen Geschäften reich geworden ist, verschafft ihm Kontakt zum Oligarchen und Medienmogul Dimitri Sidorow. Baranov wird zum TV-Produzenten von Reality-Shows. Sein Mentor Sidorow macht ihn schließlich zum Berater des von einer Oligarchengruppe auserkorenen Präsidentschaftskandidaten, dem anscheinend farblosen Bürokraten Wladimir Putin (Jude Law). Putin macht Baranow allerdings schnell klar, dass Loyalität gegenüber irgendjemandem außer ihm selbst sinnlos wäre. Russland sei kein Land, in dem das Geld regiere, vielmehr zähle allein die Macht an sich. Baranow wird Putins Chefstratege.
Baranovs im Film angegebene Quellen sind nicht besonders originell: Machiavellis „Der Fürst“ und die höfischen Strategietexte von Baltasar Gracián. Aber seine zynische Skrupellosigkeit und seine kontraintuitiven Taktiken haben nichts mit den vergleichsweise harmlosen Geheimdienst-Strategien im Westen zu tun. Er gründet und unterstützt selbst Oppositionsparteien, um sie unter Kontrolle zu halten und bei Bedarf wieder aufzulösen, und er entwickelt eine Social-Media-Strategie, die darauf setzt, Zwietracht zu säen und permanente Wut zu verbreiten. Als ein PR-Agent ihm mitteilt, sie würden die eigenen Botschaften über alle Kanäle verbreiten, herrscht er dessen Chef an. Es gäbe keine „Botschaften“, es gehe nur darum, Chaos zu stiften. Destabilisierung der Gegner ist das Ziel, nicht ein Wandel der Überzeugungen. Argumente spielen keine Rolle.
Paul Dano spielt Baranov als einen zynischen, ewigen Ex-Jungmann, der stets mit leiser, flacher Stimme spricht und aus toten Augen in die Welt blickt. Baranov hat keinerlei Charisma, aber er ist effektiv. Der titelgebende „Magier“ lässt weniger an den historischen Rasputin denken, als an die Chaosmagier des 20. Jahrhunderts und deren postmoderne Pop-Epigonen wie Robert Anton Wilson und Robert Shea („Illuminatus“), wenn man deren eigentlich gegen Dogmatismus gewendete Ideen in den absoluten praktischen Nihilismus wendet. Ein Mittel gegen die russische Politik-Zerstörungsmaschine scheint noch nicht so recht gefunden zu sein. DER MAGIER IM KREML ist ein Film, der harmloser daherkommt, als er ist.
Originaltitel: Le mage du Kremlin
Frankreich 2025, 156 min
Genre: Politthriller
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas, Emmanuel Carrère
Kamera: Yorick Le Saux
Schnitt: Marion Monnier
Verleih: Constantin Film Verleih
Darsteller: Jude Law, Paul Dano, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Jeffrey Wright, Will Keen
Kinostart: 09.04.2026
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Vorführungen

Der Magier im Kreml
(Le mage du Kremlin) | Frankreich 2025 | Politthriller | R: Olivier Assayas
Paul Dano spielt den fiktiven Putin-Berater Wadim Baranov als einen zynischen, ewigen Ex-Jungmann, der stets mit leiser, flacher Stimme spricht und aus toten Augen in die Welt blickt.
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