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INDIEKINO BERLIN: Filmkritik Der Himmel über Berlin
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Der Himmel über Berlin

Stadt der verlorenen Seelen

Die 4k-Restauration von Wim Wenders Film DER HIMMEL ÜBER BERLIN sieht atemberaubend aus. Schweigsame Engel blicken in die Köpfe von Menschen in einer Stadt, die noch wesentlich leerer war.

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Es soll ja immer noch Menschen geben, die Wim Wenders‘ DER HIMMEL ÜBER BERLIN von 1987 nie gesehen haben, und dafür gibt es eigentlich keine Ausrede. Da wären zum einen die Festivals und Preise seiner Zeit: Wim Wenders wird für die beste Regie in Cannes ausgezeichnet und erhält danach gleich noch den Europäischen Filmpreis und den Bayerischen Filmpreis. Internationale Nominierungen und Auszeichnungen folgen bei den BAFTAs, den Césars und verschiedenen Verbänden der Filmkritik in den USA. Es folgen immer mehr Festivals weltweit, der Film wird in zahlreiche Länder verkauft, läuft in Deutschland erfolgreich im Kino, wird später für den Heimkinomarkt mehrfach verwertet, im Fernsehen ausgestrahlt, und wird nach 30 Jahren gerne noch vereinzelt in den Sommerkinos der Hauptstadt programmiert.

Die Geschichte des Films geht aber noch wesentlich weiter und kulminiert im Jahr 2018 mit einem erneuten Bundesstart, seinem insgesamt dritten. Bereits 2007 kam DER HIMMEL ÜBER BERLIN anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums neu abgetastet und digitalisiert zum zweiten Mal in die Kinos, im Februar diesen Jahres feierte die Berlinale seine bislang höchste Auflösung: in 4K gescannt, retuschiert und lichtbestimmt – mehr geht zur Zeit nicht, und um es vorweg zu nehmen: Natürlich sieht das großartig aus und verleiht diesem ein bisschen zu oft als Klassiker beschworenen Werk Wenders‘ einen verdienten neuen Glanz und die bestmögliche (erneute) Rettung ins digitale Zeitalter. Wim Wenders‘ ureigene Stiftung ist maßgeblich am Erhalt seiner Werke beteiligt (weitere 4K-Restaurierungen folgen), dazu haben das Medienboard Berlin-Brandenburg, die FFA und auch das französische CNC (Centre national du Cinéma) Gelder gegeben, denn es handelt sich um eine deutsch-französische Gemeinschaftsproduktion. Zuvor hatte sich bereits die Criterion Collection an einer digitalen Abtastung für die BluRay beteiligt, und wenn man liest, dass vor der heutigen DCP-Kopie sechs Generationen (also quasi Versionen) des Originalnegativs existierten, kann man sich nur über diese Wiederherstellung freuen; neuer 5.1 Surround Sound inklusive.

Die Entdeckung oder Wiederentdeckung des „Himmels“ lohnt sich allein schon im Vor- und Abspann: Da wäre zum einen der Name der bekannten, französischen Kamerafrau Agnès Godard, die hier noch als „Kameraschwenkerin“ aufgelistet wird, bevor sie beginnt mit Claire Denis zu arbeiten, die wiederum hier noch Regieassistentin ist. Die berühmte Berlinale-Fotografin und mittlerweile Engel Erika Radau entdeckt man genau wie Blixa Bargeld zufällig im Abspann (oder schon im Film) und auch ansonsten wimmelt es vor toten und lebenden Legenden: Hauptrollen Otto Sander und Bruno Ganz, Nebenrolle Peter Falk. Der damals 85-jährige jüdische Schauspielveteran Curt Bois (CASABLANCA) gibt in einer umwerfenden Performance den greisen Professor, und kein Geringerer als der bereits 1953 für den Oscar für EIN HERZ UND EINE KRONE nominierte Kameramann Henri Alekan fängt hier das geteilte Berlin in Bildern ein, die einem in ihrer Schönheit immer noch - oder eben schon wieder - eine Gänsehaut bescheren können.

Gott, was muss das für ein West-Berlin gewesen sein, das man da in diesen Bildern sieht. Wie Bruno Ganz da mitten auf der leeren Adalbertstraße in die leere, touristenfreie Oranienstraße flaniert. Imbissbuden überall statt schicker Cafés. Wie die unverkaufte Brache des Potsdamer Platzes noch nichts von den architektonischen Vergewaltigungen der Nachwendezeit wissen kann. Wie diese Kamera, die noch keine Drohnen kennt, auf Schienen und an Helikopter geschnallt in verwahrloste, verdreckte Hinterhöfe blickt, auf einen noch in Teilen unbebauten Bahnhof Zoo guckt, von der Siegessäule oder der Gedächtniskirche auf eine Stadt der verlorenen Seelen hinabsieht – atemberaubend trifft es in diesem Fall schon ganz gut. Und das liegt natürlich an der unverkennbaren Poesie der Inszenierung, an dieser radikal offenen Erzählung, die man lange nicht als Handlung zusammenfassen kann, wie es so viele leider getan haben. Das ist zu Beginn eine selten meditative Reflexion über das Menschsein, das Leben, eine existenzialistische Reise in ein vergangenes Jetzt - und eben schöner Weise ohne Erklärung und kitschfrei zusammengesetzt auf allen Ebenen. Allein die betörenden Szenen in der Staatsbibliothek, in der die Engel unbemerkt und wortlos in die Köpfe der Studierenden gucken und auf den Balustraden hocken, ist den Kinobesuch wert.

Dazwischen Bilder des zerstörten Berlins, dann Curt Bois, der in den Worten von Co-Autor Peter Handke fragt: „Was ist es denn am Frieden, dass er nicht auf Dauer begeistert?“. Und natürlich Handkes „Lied vom Kindsein“, mit dem der Film beginnt und das der Film immer wieder in Form von echten Berliner Gören als Leitmotiv etabliert. Überhaupt auch, wie Wenders damals mit der Idee der Engel umgegangen ist: Als Schatten, Geister und nicht immer erfolgreiche Retter erscheinen sie in Privatwägen, auf Gebäuden und in Wohnungen und reden zu Beginn gar nicht mit anderen und kaum auch untereinander. Nur die Gedanken der Menschen hören wir als Bewusstseinsströme. Eine religiöse Botschaft oder einen christlichen Überbau spart sich der Film zum Glück ganz. Gezeigt in gestochenen Schwarz-Weiß-Bildern, bis immer öfter und am Ende dann gänzlich die Farbe auf die Leinwand zieht. Dazu: Ein Soundteppich, in dem sphärische Geräusche mit choralen Gesängen verwoben werden zu etwas Hörbarem, das zwischen melancholisch und unheimlich changiert. Die Gänsehaut bleibt.

Der letzte Akt überrascht dann mit einem Nick-Cave-Konzert aber auch mit der Zementierung einer klaren Geschichte, ohne die der Film ohne Farbe so wunderbar ausgekommen war. Auf Dialogzeilen wie die, dass es keine größere Geschichte als die zwischen Mann und Frau gäbe, hätte man nach dem oft undefinierten Zauber des Vorangegangen gerne verzichtet, und auch Solveig Dommartins Rolle als schönes Objekt - das muss bei allem Lob auch gesagt werden- hält dem Test der Zeit nicht Stand. Es schmälert das überwältigende Kinoerlebnis nicht und natürlich ist es für das deutsche Filmerbe im Allgemeinen und für Wim Wenders im Speziellen bemerkenswert und groß, diesen Film heute so sehen zu können.

Als nächstes wäre es dann Aufgabe der Fördervereine und Institutionen, ihr Augenmerk und ihre Töpfe einmal in Richtung der Filme zu verlagern, die noch gar nicht digitalisiert sind, die keine sechs Generationen auf dem Buckel haben und keine drei Bundesstarts und ja, die von Frauen gemacht wurden. Helma-Sanders Brahms‘ DIE BERÜHRTE würde sich dort anbieten, Elfi Mikeschs verschollener MACUMBA sähe sicher in 4K nicht schlecht aus und auch im Archiv von Ula Stöckl und anderen gibt es noch einiges zu entdecken und zu tun. Denn dafür, dass man ihre Filme nicht kennt, gibt es nicht nur Ausreden, sondern handfeste Gründe - nämlich ihre quasi nicht-existente Verfügbarkeit.

Toby Ashraf

Details

BRD/Frankreich 1986, 127 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders, Peter Handke
Kamera: Henri Alekan
Musik: Jürgen Knieper, Laurent Petitgand
Verleih: STUDIOCANAL
Darsteller: Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Otto Sander, Solveig Dommartin
FSK: 6
Kinostart: 12.04.2018

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Der Himmel über Berlin

BRD/Frankreich 1986 | Drama | R: Wim Wenders | FSK: 6

Die 4k-Restauration von Wim Wenders Film DER HIMMEL ÜBER BERLIN sieht atemberaubend aus. Schweigsame Engel blicken in die Köpfe von Menschen in einer Stadt, die noch wesentlich leerer war.

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