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Der die Zeichen liest

Bibelzitate gegen die Welt

Benjamins Mutter versteht ihren Sohn nicht mehr. Der Teenager liest nur noch in der Bibel und beginnt, seine Umgebung mit der neu gefunden Religion zu terrorisieren. Nur die Biologielehrerin stellt sich ihm entgegen.

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Benjamins Mutter versteht ihren Sohn nicht mehr. Anstatt dass der Teenager sich mit Drogen abschießt oder zwanghaft masturbiert, liest er nur noch in der Bibel. Nun will er nicht mehr zum Schwimmunterricht, weil er die Mitschülerinnen im Bikini nicht erträgt, zieht sich im Biologieunterricht nackt aus und sagt, dass er sich um sie sorgt, weil sie sich von seinem Vater hat scheiden lassen. Zu jeder Gelegenheit hat er das passende Bibelzitat zur Hand. Kein Wunder, dass er keine Freunde hat. Sie hat doch, weiß Gott, mit ihren drei Jobs genug zu tun, aber die Schule weiß auch nicht weiter. Die Direktorin will, dass man auf Benjamins Ansichten eingeht. Evolution ist ja auch nur eine Theorie. Davon hält nur die Biologielehrerin Elena nichts und die ist in ihrem Widerstand gegen Benjamin ja fast schon genauso fanatisch wie er. Das wird doch böse enden.
Marius von Mayenburg wollte mit seinem Stück MÄRTYRER, auf dem der Film basiert, einmal umfassend nachweisen, dass all die Dinge, die angeblich mit der Bibel gerechtfertigt werden können, dort auch wirklich drinstehen. Und so hetzt Benjamin auch hier, jedes Mal mit genauer Quellenangabe, gegen körperliche Freuden, Evolution, Homosexuelle, Juden und Frauen, die sich nicht unterordnen. Er besorgt sich einen verkrüppelten Mitschüler als Jünger, denkt aber nicht daran, ihn gegen Klassenkloppe zu verteidigen. Seine Verachtung richtet sich gegen alles und jeden. Die Gründe dafür bleiben obskur, auch wenn der Film mehrere Vorschläge macht. Vielleicht ist Benjamin ja nur ein selbstgerechter Arsch, der seine eigene Leere mit Bigotterie füllt. Oder er ist in einer Weise beseelt, die den Farce-Figuren um ihn herum fehlt. Eine auf Handkamera und zeitweise sogar iPhone fixierte Bildsprache zeigt die Unruhe des Stoffes und befreit das Stück aus den Beschränkungen des Theaters. Letztlich ist DER DIE ZEICHEN LIEST aber eher eine intellektuelle als eine sinnliche Erfahrung.

Christian Klose

Details

Originaltitel: Uchenik
Russland 2016, 118 min
Genre: Drama
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, Marius von Mayenburg
Kamera: Vladislav Opelyants
Musik: Ilya Demutskiy
Verleih: Neue Visionen
Darsteller: Yuliya Aug, Victoria Isakova, Petr Skvortsov, Alexandra Revenko, Svetlana Bragarnik
FSK: 12
Kinostart: 19.01.2017

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