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Dene wos guet geit

Viel Zeit, um wenig zu tun

Tagsüber arbeitet Alice in einem Züricher Call-Center, Ihre Freizeit nutzt sie, um alte Frauen als angebliche Enkelin in Not um mehrere Tausend Franken zu erleichtern. Schräg erzähltes Debüt aus der Schweiz.

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Tagsüber sitzt Alice in einem Züricher Call-Center und versucht, Menschen von einem günstigeren Handyvertrag oder einer besseren Krankenkasse zu überzeugen. Mit Emotionen soll sie verkaufen, sagt ihr Supervisor. Und wenn die Leute schon bereit sind, Auskunft über ihr Leben und sogar den Kontostand zu geben, nutzt Alice in ihrer Freizeit die gesammelten Informationen, um alte Frauen als angebliche Enkelin in Not anzurufen und sie um mehrere Tausend Franken zu erleichtern. Nötig hat sie es nicht. Wie allen anderen Personen im Film geht es ihr gut, aber einigen geht es eben richtig gut, und zu denen will sie auch gehören. Die Polizei ist ihr bald auf der Spur und stellt ihr eine Falle.
DENE WOS GUET GEIT ist so, wie man sich Zürich vorstellt, wenn man noch nie da war. Alle sind immer entspannt und höflich, und egal, ob Polizisten gerade in schwerer Panzerung das Bankenviertel bewachen, Pförtner russische Oligarchen in das Büro einer Bank führen oder ältere Damen ihr Konto auflösen, weil der Enkelin gerade etwas Schlimmes passiert ist, es kommen niemals starke Emotionen oder laute Stimmen auf. Stattdessen versucht man, sich an Lieder zu erinnern, die gerade sehr gut passen würden, tauscht sich über Handyverträge oder Krankenversicherungen aus und gibt ellenlange Identifikationsnummern durch. Immer statisch und oft aus der Entfernung aufgenommen, wird das kalte Züricher Stadtbild zu moderner Kunst, durch die Menschen wandern, deren Geschichten sich manchmal überschneiden, die selbst aber lieber aufs Handy starren, als sich miteinander zu beschäftigen. Ähnlich wie sein großes Vorbild Lav Diaz lässt sich Cyril Schäublin in seinem Debüt viel Zeit, seine Charaktere wenig tun zu lassen. Durch die Laufzeit von nur 71 Minuten wird der Film aber nie zur Geduldsprobe, sondern hat genau genug Zeit, eine volldigitale Gesellschaft zu porträtieren, in der manche sicher auch Sorgen haben. Aber mir geht es soweit gut. Wenn ich nur auf den Namen des Liedes kommen würde.

Christian Klose

Details

Schweiz 2017, 71 min
Sprache: Schweizerdeutsch, Arabisch, Englisch
Genre: Drama, Satire
Regie: Cyril Schäublin
Drehbuch: Cyril Schäublin
Kamera: Silvan Hillmann
Schnitt: Cyril Schäublin, Silvan Hillmann
Verleih: déjà-vu film
Darsteller: Sarah Stauffer, Nikolai Bosshardt, Fidel Morf, Belgouidoum Chihanez, Toni Majdaladi
Kinostart: 18.07.2019

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