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Den Menschen so fern

Der Anarchist Albert Camus stand in den politischen Konflikten seiner Zeit immer zwischen den Stühlen. Er forderte unmittelbar nach den Nürnberger Prozessen die Abschaffung der Todesstrafe, wendete sich gegen den Stalinismus und alle Formen staatlicher Autorität, und stellte sich seinen Mensch in der Revolte als jemanden vor, der das Absurde, die Sinnlosigkeit der Existenz anerkennt, aber sich sich immer wieder neu dagegen erhebt. DEN MENSCHEN SO FERN ist ein Western nach einer Kurzgeschichte von Albert Camus, die zu Beginn des Algerienkrieges 1954 spielt.

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Der Anarchist Albert Camus stand in den politischen Konflikten seiner Zeit immer zwischen den Stühlen. Er forderte unmittelbar nach den Nürnberger Prozessen die Abschaffung der Todesstrafe, wendete sich gegen den Stalinismus und alle Formen staatlicher Autorität, und stellte sich seinen Mensch in der Revolte als jemanden vor, der das Absurde, die Sinnlosigkeit der Existenz anerkennt, aber sich sich immer wieder neu dagegen erhebt. DEN MENSCHEN SO FERN ist ein Western nach einer Kurzgeschichte von Albert Camus, die zu Beginn des Algerienkrieges 1954 spielt.
Zunächst aber das Licht über der Wüste, früh am Morgen. Viggo Mortensen ist der Lehrer Daru, der in einem einsamen Schulhaus im Atlas-Gebirge arabische Kinder unterrichtet, Nahrungsmittel und Getreide für die Familien der Kinder verteilt. Mortensen spielt den Lehrer als einen Mann, der sich die Einsamkeit ausgesucht hat. Er spricht betont deutlich, mit leichtem Zögern, als hielte in jedesmal etwas davon ab, überhaupt zu sprechen - Mortensens Französisch ist dabei gut genug, zumal später noch erklärt wird, das auch sein Daru kein Franzose ist, sondern der spanischen Minderheit angehört. Mortensen bewegt sich ebenso vorsichtig, wie er spricht, betont behutsam. Zu diesem Mann, der ganz offenbar kein Interesse an Gesellschaft hat, bring der Dorfpolizist Balducci einen Gefangenen (Reda Kateb), einen jungen Araber, der seinen Cousin ermordet haben soll. Daru soll den Gefangenen in die nächste Stadt bringen, denn die französische Polizei hat wegen des beginnenden antikolonialen Aufstands niemanden zur Verfügung. Als Staatsbediensteter soll der Lehrer den Job übernehmen. Daru lehnt ab. Nach einer seltsamen Nacht, in der der Gefangene Gelegenheit zur Flucht hat, aber bei Daru bleibt, am nächsten Morgen taucht ein Lynchmob aus dem Dorf Mohammeds, des Gefangenen, vor dem Schulhaus auf.
Die Konstellation ist die eines klassischen Westerns, ein Gefangenentransport durch die Wüste, deren schroffe Schönheit und deren Lichtstimmungen Guillaume Deffontaines Kamera in großartigen Panoramen einfängt. Der elegische Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis (Bad Seeds, Grinderman), eine komplexe Collage aus elektronischen und akustischen Drones, über denen sich immer wieder melancholische Klaviermelodien, Feedback und Streicher erheben, unterstreicht einerseits die Schroffheit der Landschaft, spricht aber auch von Trauer und einem kalten Glück in der Verlorenheit. So sind die Bilder, in denen Daru und Mohammed gemeinsam durch das Gebirge laufen, von großer atmosphärischer Schönheit. Sie zitieren klassische Westernbilder aus dem Monument Valley, aber hier wird die Wüste nicht auf der Suche nach grünen Weiden durchquert. Hier gibt es nur die Wüste. Es ist, jedenfalls zunächst, eine Flucht vor einem Tod in Richtung eines anderen Todes. Mohammed erklärt, dass er sich den französischen Behörden stellen will, weil die Familie seines Bruders Blutrache begehen muss, da seine Familie kein Blutgeld zahlen kann. Im Gegenzug müssen seine Brüder, die noch klein sind, später erneut Blutrache begehen. Er will den Kreis brechen und glaubt, dafür sterben zu müssen. Es geht um zwei Entscheidungen: wird der Lehrer den Araber ausliefern, weil der darum bittet? Ist Mohammeds Entscheidung, sein Leben zu opfern unumstößlich? Ist sie vertretbar? Soll Daru ihn dabei unterstützen oder ihn umstimmen?
Daru und Mohammed begegnen auf ihrer Wanderung verschiedenen Parteien im Kolonialkrieg: einer französischen Patrouille, dann einem Trupp der Befreiungsarmee, schließlich werden sie Zeuge eines Massakers an Kriegsgefangenen durch die französische Armee. Diese Episoden erhellen den Hintergrund von Camus‘ moralischer Position: so unmoralisch das Töten ist, so unmoralisch sind Selbstmord und Todesstrafe. Dem Absurden kann nur durch dauernden Widerstand begegnet werden.

Hannes Stein

Details

Originaltitel: Loin des hommes
Frankreich 2013, 110 min
Genre: Abenteuer, Drama
Regie: David Oelhoffen
Drehbuch: David Oelhoffen
Kamera: Guillaume Deffontaines
Schnitt: Juliette Welfling
Musik: Nick Cave, Warren Ellis
Verleih: Arsenal Filmverleih
Darsteller: Viggo Mortensen, Reda Kateb, Jérémie Vigot
FSK: 12
Kinostart: 09.07.2015

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